Zum Hirten des Hermas

Buchstabenspiel

Rabbi Jakov ben Katz von Schargorod war sehr mitfühlend und voller Anteilnahme für seine Mitmenschen. Er konnte nicht Leute leiden sehen. Wo es nur ging, stand er ihnen mit dem Rat und Tat zur Seite. Aber es fruchtete manchmal auch nach einem einfühlsamen Zuhören und Zureden nicht.

Dann griff der Rabbi zu einem Mittel, das schon einigen aus ihrem Elend heraushalf. Er zeigte seinem Gegenüber einen ungewöhnlichen, gar unerwarteten - ob ernsten oder witzigen - Blickwinkel in der Sache. Fast immer sorgte das für eine freudige Heiterkeit, die die Menschen aufatmen ließ. So auch dieses Mal:

Als der Rabbi Jakov sich mit einem befreundeten Rabbiner in der Schul unterhielt, kam ein Chassid herrein und klagte sein Leid.

"Ungutes habe ich gedacht und getan, und das lastet schwer auf mir. Ich weiß weder aus noch ein. Mit großer Betrübnis im Herzen habe ich zu Gott gebetet. Vergebens! Mein Vertrauen schwindet gar sehr! Wie ein dichter, undurchdringlicher Nebel hüllt mich diese unselige Stimmung um. Wie kann ich der Trübnis entkommen?!"

Rabbis Freund sagte zu dem Chassid: "Jeder Nebel verzieht sich irgendwann und dann kannst du wieder klar sehen. Hab nur Vertrauen und Geduld!"

Der Geplagte saß stumm da, und sein Schweigen sprach die Sprache eines Verzweifelten, der nichts mehr aufschieben wollte.

Der Rabbi nickte seinem Freund zu und wand sich mit einem heiteren Blick an den Mann: "Mein lieber Bruder, du brauchst doch nicht warten. Betrübnis ist nur die halbe Sache und nicht die ganze. Bringe jetzt schon der aufgehenden Sonne Freude und Zuversicht entgegen. Kehre deine Sicht um. Und aus Nebel wird Leben!"

Es dauerte ein wenig, bis den Beiden der Sinn des Buchstabenspiels aufgegangen war. Aber des Rabbi Mittelchen wirkte.

(Ruth Finder)

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Kommentare: 1
  • #1

    K (Freitag, 30 November 2018 19:43)

    Ruth Finder hat sich wieder mal zu einem wichtigen Thema eine sehr schöne passende Geschichte ausgedacht. Einer Ehrliche Betrachtung (Innenschau und Selbstanalyse) der eigenen unguten Gedanken und Taten führt zu aufrichtiger Reue. Das ist sehr positiv, da wir der Versuchung widerstanden haben uns die Sache klein oder schön zu reden und Entschuldigungen auszudenken.
    Wenn aber aus der Reue andauernde Selbstvorwürfe werden, hilft uns das nicht weiter. Was hilft: Verzeihen, loslassen, von der Vergangenheit ins Jetzt kommen, gepaart mit dem festen Vorsatz es nächstes Mal besser zu machen. Gelingt bestimmt nicht immer sofort und zu hundert Prozent aber wir sollten uns darum bemühen.
    Nebel: Steckenbleiben in den Selbstvorwürfen; Leben: Aus den Fehlern lernen.