Tiiiiiefes Nachdenken gefordert

Nun: »Steh in der Pforte im Hause Gottes!« Das Haus Gottes ist die Einheit seines Seins! Was Eins ist, das hält sich am allerbesten ganz für sich allein. Darum steht die Einheit bei Gott und hält zusammen und legt nichts hinzu. Dort sitzt er in seinem Eigensten, in seinem esse, ganz in sich, nirgends außerhalb seiner. Aber da, wo er schmilzt, da schmilzt er aus. Sein Ausschmelzen ist eine Gutheit, wie ich kürzlich im Zusammenhang des Themas Erkennen und Liebe sagte. Das Erkennen löst ab, denn das Erkennen ist besser als die Liebe. Aber zwei sind besser als eins, denn das Erkennen trägt die Liebe in sich. Die Liebe vernarrt sich und hängt sich fest in die Gutheit, und in der Liebe bleibe ich denn also "in der Pforte" hängen, und die Liebe wäre blind, wenn es kein Erkennen gäbe. Ein Stein hat auch Liebe, und dessen Liebe sucht den Erd-Grund. Bleibe ich in der Gutheit hängen, im ersten Ausschmelzen, und nehme Gott, sofern er gut ist, so nehme ich die "Pforte", nicht aber nehme ich Gott. Darum ist das Erkennen besser, denn es leitet die Liebe. Die Liebe aber weckt das Begehren, das Verlangen. Das Erkennen hingegen fügt keinen einzigen Gedanken hinzu, vielmehr löst es ab und trennt sich ab und läuft vor und berührt Gott, wie er bloß ist, und erfaßt ihn einzig in seinem Sein.

 

(Meister Eckhart)

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    "esse" - lat. Verb mit vielen Bedeutungen (Mittwoch, 14 November 2018 17:50)

    sein
    existieren
    stattfinden
    dienen
    verzehren
    leben
    essen
    gehören
    kosten
    befinden
    verhalten
    beruhen
    aufhalten
    ausgeben

  • #2

    R.G. (Mittwoch, 14 November 2018)

    Erinnert mich sehr an M. Poretes zunichtegewordene Seelen. Frei von eigenen Wünschen und eigenem Wollen, auch wenn es sich um Gutheiten und Tugenden handelt. Ganz im Willen Gottes.

  • #3

    R.G. (Mittwoch, 14 November 2018 18:41)

    Unmittelbar.

  • #4

    Ruth Finder (Mittwoch, 14 November 2018 20:10)

    "Das Erkennen hingegen fügt keinen einzigen Gedanken hinzu, vielmehr löst es ab und trennt sich ab und läuft vor und berührt Gott, wie er bloß ist, und erfaßt ihn einzig in seinem Sein."

    Eine sehr schöne Beschreibung der Schau.

  • #5

    Simon (Mittwoch, 14 November 2018 22:46)

    Nicht immer, aber hin und wieder:

    Erkennen durchdringt – Liebe verharrt