Yaron und Kenan

Ein gemeinsamer Freund von Kenan und Yaron lag mit einer schrecklichen Leibesnot im Hospital. Bei einem ihrer Besuche bat er um ein baldiges Ende - wenn nicht vom Schicksal gewünscht, dann von eigener Hand. Ohne Belehrungen ihrem Freund gegenüber, gingen die beiden still, uneins mit sich und mit schweren Herzen nach Hause.
 
Am nächsten Tag, bei einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge entwickelte sich zwischen den beiden Weggefährten ein kurzes Gespräch.
 
Kenan: „Wir können uns den Tod geben, aber nicht das Leben. Dürfen wir dem Leid entfliehen?“
 
Mit belegter Zunge antwortete Yaron: „Was soll ein Leben, das nur noch sich selbst lebt, dem Lebenden aber keinen Platz mehr lässt.“
 
Ratlos und still gingen sie noch gemeinsam ein Stück des Weges. Bevor sie sich trennten, besprachen sie sich. Sie waren sich einig, am nächsten Tag den Rabbi um Rat zu fragen.
 
Am nächsten Morgen, trafen sich beide mit dem Rabbi. In der Küche, bei einer gemeinsamen Tasse Tee, sprachen sie über ihre Hilflosigkeit.


Lange sagte der Rabbi nichts. Dann: „Ich sage nicht, macht dies oder das, ich werde nicht sagen, lasst dies oder jenes, aber ich gebe euch etwas auf den Weg. Wir wissen nicht ob wir mit dem selbstgewählten Wechsel durch Selbsttötung vom Diesseits zum Jenseits dem Schmerz entgehen können oder ob wir dadurch dem Schmerz vielleicht sogar entgegengehen. Aber gewiss ist, wir sollten bei allem was wir tun, mit Gott gehen.“
 
Yaron wurde ungehalten, er dachte bei sich, was soll ich mit dem Geschwafel. Es verlangte ihn nach einer konkreten Antwort.
 
Der Rabbi sah die Hilflosigkeit in Yarons Augen und sprach zu ihm: „Yaron, ich könnte dir viele Antworten geben, aber alle würden sie auf das Gleiche hinauslaufen, hab Vertrauen zu dir selbst. Du wirst wissen, was du zu tun hast, wenn du mit Gott gehst, und dies ist kein leeres Geschwafel."

Dabei lächelte er.
 
Da ging Yaron ein Licht auf.

 

(Simon)

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Kommentare: 2
  • #1

    Simon (Montag, 12 November 2018 11:39)

    Es bleibt offen!
    Trotz der absoluten Freiheit, begrenzt durch die innere Unfreiheit können wir nun mal nicht um die nächste Ecke schauen.

    Was ist in oder mit Gott gehen?
    Die Schlichtheit im Gegenwärtigen. Einfach zu „Sein“. Mutig und voller Vertrauen sein Selbst in die Hand des nicht reflektierten Gewahrseins zu legen, dort hinzugehen, wo unser ICH (AP) nicht folgen kann.

    Dies gelingt mir eher selten. Von Zeit zu Zeit klappt es dann aber doch, danach bin ich dann meist ein wenig mehr geklärt und ausgerichtet. Häufig bekam ich dann auch eine mögliche Lösung präsentiert, wo „ICH“ vorher keine gefunden hatte.

    Vielleicht könnte man es auch so ausdrücken:
    Einen wirklichen Beistand und die besten Hinweise sind im Jetzt zu finden.
    Das Problem wird dann sozusagen zur Chefsache. ^^

    ...und so wird aus der Weg-Arbeit eine wegbegleitende Weg-Arbeit. Für mich persönlich ein ziemlicher Hammer.

  • #2

    Phia (Mittwoch, 14 November 2018 22:37)

    Schöne Geschichte!
    "Mutig und voller Vertrauen sein Selbst in die Hand des nicht reflektierten Gewahrseins zu legen, dort hinzugehen, wo unser ICH (AP) nicht folgen kann." ---> Wenn wir das tun leben und sterben wir mit dem Chef :-)
    "Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn." Römer 14:8.