Greis und Tod (Nietzsche)

Abgesehen von den Forderungen, welche die Religion stellt, darf man wohl fragen: warum sollte es für einen alt gewordenen Mann, welcher die Abnahme seiner Kräfte spürt, rühmlicher sein, seine langsame Erschöpfung und Auflösung abzuwarten, als sich mit vollem Bewusstsein ein Ziel zu setzen? Die Selbsttötung ist in diesem Falle eine ganz natürliche naheliegende Handlung, welche als ein Sieg der Vernunft billigerweise Ehrfurcht erwecken sollte: und auch erweckt hat, in jenen Zeiten als die Häupter der griechischen Philosophie und die wackersten römischen Patrioten durch Selbsttötung zu sterben pflegten. Die Sucht dagegen, sich mit ängstlicher Beratung von Ärzten und peinlichster Lebensart von Tag zu Tage fortzufristen, ohne Kraft, dem eigentlichen Lebensziel noch näher zu kommen, ist viel weniger achtbar. - Die Religionen sind reich an Ausflüchten vor der Forderung der Selbsttötung: dadurch schmeicheln sie sich bei Denen ein, welche in das Leben verliebt sind.


(Simon)

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Kommentare: 15
  • #1

    Simon (Mittwoch, 07 November 2018 11:58)

    Die Liebe überwindet den Tod, aber es kommt vor, dass eine kleine üble Gewohnheit die Liebe überwindet.
    Marie von Ebner-Eschenbach

    Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen. Bin ich, ist er nicht. Ist er, bin ich nicht.
    Epikur von Samos

    Alle, die in Schönheit gehen, werden in Schönheit auferstehn.
    Rainer Maria Rilke

    Das eigentlich charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit.
    Franz Kafka

    Für eine magische Laterne ist diese ganze Welt zu halten,
    in welcher wir voll Schwindel leben; die Sonne hängt darin als Lampe;
    die Bilder aber und Gestalten sind wir, die dran vorüber schweben.
    Omar Chayyām

  • #2

    Jonas (Donnerstag, 08 November 2018 08:34)

    Hallo Simon,

    das Nietzsche Zitat kann man meiner Meinung nach nicht unkommentiert so stehen lassen. Neben der darin enthaltenen, teils berechtigten Religionskritik spießt sich da Einiges in mir, wenn ich diesen (seinen) Gedanken folge.

    Sich selbst zu töten - als "Ziel", wie Nietzsche das formuliert, um seinem körperlichen Verfall zuvorzukommen, würde bedeuten, dass das Leben ab einem gewissen Grad an körperlich/geistiger Beeinträchtigung nicht mehr wert ist, gelebt zu werden. Diese Ansicht halte ich aus mehreren Gründen für problematisch. Beispielsweise wie definiere ich eine Grenze, ab wann die Beeinträchtigungen so massiv sind, dass ich meinem physischen Leben ein Ende setze?

    Wenn man von einer absoluten Macht ausgeht, die trotz strenger karmischer Gesetzmäßigkeiten liebevoll und uns wohlgesonnen ist und dies auch über den göttlichen Plan zum Ausdruck bringt, dann kann man vertrauend davon ausgehen, dass wir nie mehr aufgebürdet bekommen, als wir zu tragen imstande sind. Ich würde dieses Vertrauen als Inbegriff des Glaubens sehen, dass der Allmächtige in jeder einzelnen Sekunde unseres Lebens uns unendlich liebt und nur das Beste für uns will.

    Wenn wir Hand an uns legen und unserer materiellen Existenz ein Ende bereiten, weisen wir damit seine Weisheit und Liebe zurück, stellen uns gegen ihn. Indem wir uns das Leben nehmen, nur um dem fortschreitenden Verfall unseres Körpers zuvorzukommen, entscheiden wir uns gegen das LEBEN, also gegen Gott selbst.

    Kann ich wirklich alle Wechselwirkungen, die mit solch einer Tat für die Welt, meine Umgebung und für mich verknüpft sind, umfassend sehen und beurteilen?

    Wer bin ich, dass ich mir anmaße zu beenden, was ich mir selbst nicht gegeben habe sondern ein anderer mir geschenkt hat?

    Diese Fragen sollten wir uns meiner Ansicht nach stellen.

  • #3

    R.G. (Freitag, 09 November 2018 06:44)

    Wie man sieht, ist es ein Zitat, das den Austausch geradezu fordert.^^
    Ja Jonas, ich halte es auch für unumgänglich, sich diese Fragen zu stellen. Muss das in der Konsequenz dann aber bedeuten, dass wir uns allem aussetzen müssen? Alles was uns im Leben begegnet, ist ja ebenfalls ein Geschenk Gottes, um zu werden. Was ist dann mit der Freiheit, die ER uns ebenfalls gab? Absolute Standpunkte scheinen mir hier problematisch.

  • #4

    Jonas (Freitag, 09 November 2018 08:11)

    Ja R.G., mit absoluten Standpunkten kommt man hier nicht weiter. Die Wahrheit ist wie immer multifaktoriell und nichtlinear. Das beginnt schon damit, dass Selbstmord unter bestimmten Bedingungen auch das Richtige sein kann:"Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde" Johannes 15:13

    Wir müssen meiner Ansicht nach auch nicht alles so annehmen, wie es kommt. Nach 5 Jahren des Leidens unter einem tyrannischen Chef muss ich mich nicht auch noch 5 weitere Jahre dem aussetzen. Vielleicht ist es gerade die mir zugedachte Aufgabe, Mut zu entwickeln, auf den Tisch zu hauen und zu kündigen? Solange wir den göttlichen Plan (noch) nicht durchschauen, können wir uns in einem Lernprozess nur schrittweise vortasten. "Trial an error" halt.

    Zumindest aus diesem Gesichtspunkt heraus, nämlich indem wir den göttlichen Plan nicht durchschauen und es verschiedene Möglichkeiten des Handelns gibt, hätte ich unsere Wahlfreiheit voll intakt gesehen.

    Wir haben sie auch, wenn wir uns bewusst gegen das entscheiden, was wir im jeweiligen Augenblick eigentlich tun sollten. Mit den dazugehörigen karmischen Konsequenzen halt... Die haben wir meiner Erfahrung nach aber auch, wenn wir unschuldig schuldig werden, also es einfach nicht besser gewusst haben. Ist schon irgendwie fies, oder? Es ist schon manchmal eine harte, fordernde Schule, in der wir als Menschen uns hier bewegen.

    Wenn man sich bewusst so seinen eigenen Tagesablauf ansieht, dann wird man bemerken, dass man täglich in sehr vielen, vielleicht hunderten Situationen nicht den Anforderungen des jeweiligen Augenblicks entspricht. Da sind sehr viele, wenn auch oft kleine, Geschenke Gottes zum Werden dabei, die wir ablehnen, denen wir uns verwehren. TENDENZIELL sollten wir die Dinge also meiner Ansicht nach mehr und mehr annehmen, so wie sie uns begegnen, auch um IHM immer mehr vertrauen zu können. Wie dargestellt heißt das nicht, dass wir uns bei Ungerechtigkeiten nicht wehren dürfen bzw. im angemessenen Rahmen auch proaktiv vorgehen.

  • #5

    R.G. (Freitag, 09 November 2018 08:34)

    Lieber Jonas, da bin ich ganz bei dir, wie man so schön sagt.

  • #6

    Jonas (Freitag, 09 November 2018 11:13)

    "Alle, die in Schönheit gehen, werden in Schönheit auferstehn."
    Ein wunderbarer Spruch, der einige Assoziationen in mir auslöst. Hatte Rilke wirklich so tiefe Einblicke in das Wesen der Dinge oder interpretieren wir da bloß so viel hinein?

    Wie dem auch sei, mir ist in Erinnerung, dass der Bewusstseinszustand in der Sterbestunde entscheidend dafür ist, wie es "nachtodlich" mit uns weitergeht. Dem Gesetz der Resonanz entsprechend gelangen wir - wenn man den Worten des zypriotischen Meisters glauben will - auf eine psychische Ebene, die genau diesem inneren Zustand beim "Sterben" entspricht. Wenn wir uns diesseits also beispielsweise in einer persönlichen "Hölle" befinden, dann wird die jenseitige psychische Schalenwelt auch dementsprechend aussehen. Soweit ganz einleuchtend.

    Was mir nicht klar ist, wie der Zusammenhang des Grades des Bewusstseins beim "Sterben" mit dem Lüften des Schleier des Vergessens zusammenhängt, also ob es uns gestattet ist, ab einem gewissen Bewusstseinsgrad/Entwicklungsgrad, ev. auch der Ausrichtung? in weiterer Folge unsere Erinnerungen zu behalten. Vielleicht kann C. uns dazu ein bisschen aufklären.

    Rilkes Spruch findet man sinngemäß auch in der Bibel wieder, wenn auch in wesentlich plumperen Worten ausgedrückt: Wie der Stamm fällt, so liegt er. (frei zitiert, finde die Stelle nicht mehr)

  • #7

    Simon (Freitag, 09 November 2018 12:47)

    Jäpp, da bin ich ich ganz bei euch.

    Ist es die Freiheit, die uns erlaubt die Selbsttötung wählen zu können?
    Ich denke ja.

    Ist es Unfreiheit, die den Menschen manchmal die Selbsttötung wählen lässt?
    Ich denke, ja.
    (interessant, dass selbst in der Unfreiheit eine Wahl steckt)


  • #8

    Simon (Freitag, 09 November 2018 13:41)

    Hallo Jonas,
    da bist du mir zuvorgekommen.
    Das Zitat von Rilke wollte ich auch gerade einstellen.
    Rilke scheint mir jemand zu sein, der mit dem Herzen schauen und mit dem Kopf das ganze dann ablichten konnte.

    Dann halt was anderes:
    "Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen. Bin ich, ist er nicht. Ist er, bin ich nicht."
    Epikur von Samos
    Ziemlich nüchtern, aber gut.

  • #9

    Simon (Freitag, 09 November 2018 13:44)

    Hmm,
    scheine etwas übermüdet zu sein. Habe das Zitat von Rilke ja schon eingestellt.
    Hau mich jetzt ne stunde aufs Ohr. ^^

  • #10

    C. (Freitag, 09 November 2018 16:45)

    Den Epikur auch... ^^

  • #11

    C. (Freitag, 09 November 2018 16:57)

    Bezüglich des Bewusstseinsgrades und des Schleiers des Vergessens gebe ich Euch Bescheid, sobald sich der Schleier des Vergessens bei mir spürbar gehoben hat. Also frühestens in der nächsten Inkarnation. Gut, dass wir alle verbunden bleiben. ^^

    Aber jenseits des Witzes und der Wahrheit ist es wohl schon genau so, wie Jonas es anklingen lässt: Es besteht ein Zusammenhang des Grades des Bewusstseins beim "Sterben" mit dem Lüften des Schleier des Vergessens, und auch die Ausrichtung spielt eine Rolle. Schwierig aber, auf theoretischer Basis Zusammenspiel und Grad festzulegen.

    Bezüglich der Todesstunde und dem nachtodlichen Zustand bin ich nicht ganz sicher. Wenn man auf einer Gummiliege im Krankenhaus zum Krepieren allein in die Dusche gestellt wird, weil man da besser sauber machen kann, dann kann das den Bewusstseinszustand in der Sterbestunde schon beeinträchtigen - auch wenn man sonst ein ganz passabler Weg-Arbeiter war (von noch schlimmeren Sterbeumständen ganz zu schweigen!). Und dann soll man in einer Hölle schmoren?

    Aber vielleicht heißt das dann ja auch, dass man zwar in eine Hölle gelangt, dort aber recht schnell herauskommt. Also aus-/aufsteigt.

  • #12

    Simon (Freitag, 09 November 2018 17:09)

    So, wieder frisch, das war ja grenzwertig #-)

    Noch ein Versuch:
    Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, obwohl ich ein Paar Unterhosen zum Wechseln mitnehmen werde.
    Woody Allen

  • #13

    Clemens (Freitag, 09 November 2018 17:30)

    Vor Jahren hörte ich einmal, der Buddha solle gesagt haben - als ihn ein schwer leidender, sterbenskranker Schüler gefragt habe, ob er sich töten dürfe - dass es in diesem Falle akzeptabel sei, "das Schwert zu nehmen".

  • #14

    Simon (Freitag, 09 November 2018 17:36)

    Ich denke, dass durch ein ungünstiges Momentum beim Sterbeprozess, die eine oder andere Verwirrung entstehen kann. Aber letztendlich wird wohl entscheidend sein, wie der Mensch gelebt und wie er geliebt hat.

  • #15

    Jonas (Freitag, 09 November 2018 22:04)

    Ja Simon, mir fällt es auch etwas schwer zu glauben, dass die wenigen Sterbeminuten entscheiden sollen, wie es nachher weitergeht. Schon eher könnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass es der Extrakt, das summarische Endergebnis unseres Lebens, der Endzustand unserer Tugendpyramide ist, wodurch die weiteren Umstände bestimmt werden.

    Möglicherweise wirken Ereignisse, die nahe dem Hinübergehen noch passieren, stärker auf das Endergebnis ein. Ein Herumreißen des Ruders wäre also auch am Ende noch möglich. Aber nichts Genaues weiß man nicht. Wir werden es alle erleben...dessen bin ich mir sicher^^