Kabîr XVI

Ich lache, wenn ich höre, dass der Fisch im Wasser durstig ist.
Du begreifst nicht die Tatsache, dass das Lebendigste von allem in Deinem eigenen Hause ist;
und so wanderst Du mit verwirrtem Blick von einer heiligen Stadt zur nächsten!
Kabîr möchte Dir die Wahrheit sagen: Wohin auch immer Du gehst, nach Kalkutta oder Tibet;
solange Du nicht weißt, wo Deine Seele verborgen ist, wird die Welt für Dich niemals wirklich sein!

Kommentar schreiben

Kommentare: 10
  • #1

    Kabîr (Samstag, 03 November 2018 14:48)

    Es gibt ein Land das nicht von Zweifel noch von Trauer regiert wird:
    Wo es den Terror des Todes nicht mehr gibt.
    In dem die Frühlingswälder erblühen,
    und der duftenden Geruch 'Er ist Ich' auf dem Wind geboren ist.
    In dem die Biene des Herzens tief versenkt ist, und keine andere Freude verlangt.

  • #2

    Kabîr (Samstag, 03 November 2018 14:50)

    Tod nach Tod, die Welt stirbt, aber niemand weiß wie man stirbt:
    Der Diener Kabîr ist so einen Tod gestorben, dass er nie wieder sterben muß.
    Wenn der Heilige stirbt, warum weinst Du dann? Er geht nach Hause...
    Trauere über den elenden Sakta, der von einem Markt zu anderen verkauft wird!
    Ich sehne mich nach dem Tod, aber wenn ich sterbe, möge es sein vor der Tür von Ram.
    Und ich hoffe Hari fragt nicht, 'Wer ist das, der gegen meine Tür gefallen ist?

  • #3

    Clemens (Samstag, 03 November 2018 14:51)

    Ja, hier sehen wir den treulosen Zyniker als "elenden Sakta" übersetzt wieder. Soviel zur Übersetzungstreue... ^^

  • #4

    Kabîr (Samstag, 03 November 2018 14:53)

    Es ist nichts als Wasser in den heiligen Becken,
    ich weiß es, ich bin in ihnen geschwommen.
    Alle die Götter-Skulpturen aus Holz und Elfenbein sagen kein Wort,
    ich weiß es, ich habe sie angeschrieen.
    Die heiligen Bücher aus dem Osten sind nichts als Worte,
    ich habe sie alle an einem Tag durchblättert.
    Das, wovon Kabîr spricht, ist nur das, was er durchlebt hat.
    Wenn Du irgendetwas nicht durchlebt hast, ist es nicht wahr.

  • #5

    Kabîr (Samstag, 03 November 2018 14:57)

    Ohne Form und ohne Maß, ohne Leib, nichts Irdisches,
    im Mandala des Himmels Mitte ist ewig Er die Nicht-Gestalt.
    Mein Herr der Eine, Einzige, keinen Zweiten findet es.
    Wer sagt, dass er ist mehr als Eins, dessen Eltern waren alt.
    Kabîr sagt: "Ich ehre Gott-Sein, kenn' auch die Gottlos-Wesenheit,
    doch jenseits allem Sein und Nicht-Sein, dort ist meine Aufmerksamkeit!"

  • #6

    Kabîr (Samstag, 03 November 2018 14:58)

    Oh Mann, wenn Du nicht Deinen eigenen Herrn kennst,
    worauf bist Du so stolz?
    Leg Deine Klugheit beiseite:
    bloße Worte werden Dich nie mit Ihm vereinigen.
    Betrüge Dich nicht selbst mit dem,
    was die Schriften bezeugen:
    Liebe ist etwas anderes als sie,
    und der, der sie wahrhaft gesucht hat, hat sie auch gefunden.

  • #7

    Clemens (Samstag, 03 November 2018 16:13)

    ...damit sind die längeren Kabirtexte durch. Ein paar kurze folgen vielleicht noch.

  • #8

    Ruth Finder (Sonntag, 04 November 2018)

    "Wer sagt, dass er ist mehr als Eins, dessen Eltern waren alt."

    Ich verstehe das so, dass der "Geist" der Eltern oder seine "geistigen Eltern" (seine Lehrer oder seine eigenen Gedanken als "Vater und Mutter" seines geistigen Zustandes) alt waren/sind, im Sinne von: gestrig, angestaubt, rückschrittlich, kraftlos, inert (träge, untätig).

    " (...) doch jenseits allem Sein und Nicht-Sein, dort ist meine Aufmerksamkeit!"

    Alles Sein, das mit jedem Nu vergeht - Vergangenheit

    Nicht-Sein, das mit jedem Nu näher rückt - Zukunft

    Jenseits von den beiden: Was gerade in jedem Nu stattfindet - Jetzt.

    "Das, wovon Kabîr spricht, ist nur das, was er durchlebt hat.
    Wenn Du irgendetwas nicht durchlebt hast, ist es nicht wahr."

    Interessant ist für mich, dass Kabir von "durchleben" und nicht von "erfahren" spricht, denn Leben im höheren Sinne ist Geist. Also spricht er davon, dass er mit Hilfe vom höheren Selbst seine psychische und noetische Ebenen DURCHGEISTIGT hat; d.h. das Geschehene im höheren Sinne bewusst werden ließ - unabhängig, ob dieses Geschehene ihm oder einem anderen passiert ist oder nicht.

    Sonst könnte man sagen, dass man ALLES erfahren MUSS, um "mitsprechen" zu können.

  • #9

    R.G. (Sonntag, 04 November 2018 18:43)

    Auch mich hat das „Durchleben“ beschäftigt. Bei Wikipedia wird „Erleben“ als subjektiver unmittelbarer und individueller Bewusstseinsvorgang beschrieben. Er kann nicht beliebig wiederholt/hergestellt oder an andere Personen weitergegeben werden. Im Gegensatz zu Erfahrungen, aus denen Routine, Konzepte, Gewohnheiten und in der Regel eine Art von Sicherheitsgefühls entsteht. Das Durchleben hat etwas mit einlassen und hingeben zu tun. Über die Erfahrungen hinausgehen. Eins werden mit dem Prozess. Voller Vertrauen im Dunklen gehen. Unmittelbar.

  • #10

    R.G. (Montag, 05 November 2018 06:43)

    Ergänzung zu Kommentar 9:
    Das könnte auch das Logion 2 aus dem Thomas-Evangelium ausdrücken.