Warum wir sterblich sind

Eine Frage trieb früher oder später alle Schüler des Schargoroder Zaddiks um. Jeder machte ja letztlich die Erfahrung, dass Verwandte, Geschwister, Eltern, Großeltern, Freunde und Nachbarn dahinsanken. Und dieses Erleben verwies die Fragenden natürlich auch auf ihre eigene Endlichkeit und ihre Angst vor dem Vergehen. Dann wollten sie von ihrem Reb wissen, warum des Menschen Leben denn zeitlich so arg beschränkt sei.


Rabbi Jakov antwortete ihnen mit Worten, die viel zu denken gaben: "Seht, meine Lieben, die Menschen häufen im Leben zwei Dinge an: Fehler, die sie sich selbst nicht verzeihen können, und Fehler, die sie anderen Menschen nicht verzeihen können. Diese "Fehler" vergiften nach und nach unser Dasein, auch wenn sie im Vergleich zu den durchschnittlichen Erfahrungen - dem ruhigen Fluss des Lebens - oder gar den guten Erfahrungen vielleicht gar nicht so häufig sind. Ältere Menschen quälen sich oft zunehmend mit Jahrzehnte zurückliegenden, schmerzlichen Erfahrungen und Erinnerungen herum. Weil das so ist, und so ein normales, gesundes Leben irgendwann nicht mehr möglich wäre, werden wir alle nach einer gewissen Zeit aus der Welt genommen und dann jung und rein und unserer Erinnerungen ledig wieder in sie zurückgesandt."


Einige Schüler wollten es dann noch genauer wissen. Wo das Problem im Einzelnen liege. Was genau zu tun sei. Wie es denn in der nächsten, besseren Welt sei.


Und Jakov holte dann weiter aus: "Unsere Erfahrungen - alle unsere Erfahrungen - sind unlösbare, unauflösbare, ewige Bestandteile unserer selbst. Wir haben aber die Vorstellung, dass wir das zeitweise Böse, das Negative, das Schmerzliche, die Fehler irgendwie loswerden müssten. Wir verdrängen, beschönigen sie, schreiben sie äußeren Faktoren zu, wo sie doch tatsächlich in unserem eigenen Sein und Tun wurzeln. Und wir verurteilen, verdammen und verteufeln, wo das negative Tun anderer Menschen uns selbst betrifft. Wir müssen das alles aber als Bestandteile unserer Entwicklung annehmen, akzeptieren. Wir können und werden es niemals loswerden. Es ist ein unverzichtbarer Teil unserer absolut einzigartigen Individualität. Erst, wenn wir alle unsere vergangenen Fehler und die an uns begangenen Fehler dankbar willkommen heißen, sie als geschätzte Teile unserer Entwicklung, ja unseres gegenwärtigen Seins annehmen, dann werden wir unsere vollere Lebensspanne genießen können - wie sie uns am Beispiel der neun Patriarchen vor Noah gezeigt wird, die alle um die 900 Jahre alt wurden. Dann werden wir hinübergehen - alt und lebenssatt - um freudig eine Weile zu ruhen und um danach, voll des Wissens, in die Verjüngung einzugehen. Und dann werden wir reuelos voranschreitend erneut 900 Jahre wandeln und alle wiedertreffen, die wir zurückgelassen haben. Umgeben von Kindern und Kindeskindern bis ins achte Glied, so wie Adam, der noch als Urvater den Vater Noahs kannte."


(Clemens Satorius)

Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Jonas (Donnerstag, 25 Oktober 2018 07:32)

    "Weil das so ist, und so ein normales, gesundes Leben irgendwann nicht mehr möglich wäre, werden wir alle nach einer gewissen Zeit aus der Welt genommen und dann jung und rein und unserer Erinnerungen ledig wieder in sie zurückgesandt."

    - weitergedacht würde das bedeuten, dass sich erst dann die Schleier des Todes nachhaltig lüften werden, wenn wir unsere und die Fehler anderer aus tiefsten Herzen vergeben können. Wenn wir uns und unsere Umwelt so annehmen können, wie wir sind, unsere unschönen Seiten mit eingeschlossen.
    Vergebung und Akzeptanz wären dann die Schlüssel dazu.

  • #2

    Jonas (Donnerstag, 25 Oktober 2018 08:28)

    "Unsere Erfahrungen - alle unsere Erfahrungen - sind unlösbare, unauflösbare, ewige Bestandteile unserer selbst. "

    - bei aller Notwendigkeit, sich von seiner AP zu distanzieren, um die ursprüngliche Hierarchie HS (über) - AP wiederherzustellen (damit nicht der Schwanz mit dem Hund wedelt^^), sollten wir zutiefst anerkennen, dass wir all unsere Schattenseiten auch SIND. Und zwar nicht nur als AP, sondern eigentlich als höheres Selbst (HS aber nur INNERHALB der Trennungswelten).
    Hier gibt es meiner Ansicht nach keine wirkliche Trennung HS-AP. Wir SIND deshalb als HS unsere (teilweise) falsche Ausrichtung, unsere dadurch gemachten Fehler, unsere daraus resultierenden schlechten Gewohnheiten und unsere schlechten Charaktereigenschaften, die sich daraus ergeben.
    Das sollten wir zutiefst anerkennen, wie Clemens das auch so klar ausgeführt hat.

    Ich bitte Euch mich zu korrigieren, wenn ihr anderer Ansicht seid. Das Thema beschäftigt mich schon längere Zeit.

  • #3

    Ruth Finder (Donnerstag, 25 Oktober 2018 16:33)

    Wir sind HS. Die AP ist perfekter Ausdruck des HS. Die AP ist eine Illusion. Es gibt keine Trennung AP-HS. Wir müssen zwischen HS und AP unterscheiden usw.

    Was denn nun? Wie zu unterscheiden, wenn keine Trennung gibt? Und wenn wir glauben zu unterscheiden, ist das doch vielleicht der Trick der nicht vorhandenen AP?!

    Aber es stimmt alles und man braucht die Schau (bzw. muss sie entwickeln), um das ganze zu einem vollständigen Bild zusammenfügen zu können.

  • #4

    Simon (Freitag, 26 Oktober 2018 00:47)

    Die AP ist das korrodierende Ende des korrosionsbeständigen HS!

  • #5

    R.G. (Sonntag, 28 Oktober 2018 13:32)

    "Unsere Erfahrungen - alle unsere Erfahrungen - sind unlösbare, unauflösbare, ewige Bestandteile unserer selbst. Wir haben aber die Vorstellung, dass wir das zeitweise Böse, das Negative, das Schmerzliche, die Fehler irgendwie loswerden müssten. Wir verdrängen, beschönigen sie, schreiben sie äußeren Faktoren zu, wo sie doch tatsächlich in unserem eigenen Sein und Tun wurzeln. Und wir verurteilen, verdammen und verteufeln, wo das negative Tun anderer Menschen uns selbst betrifft. Wir müssen das alles aber als Bestandteile unserer Entwicklung annehmen, akzeptieren. Wir können und werden es niemals loswerden. Es ist ein unverzichtbarer Teil unserer absolut einzigartigen Individualität.“

    Ich habe immer wieder darüber nachdenken müssen und es erinnert mich an das 15er Puzzle, auch Schiebepuzzle genannt. Dieses Puzzle ist ein Geduldsspiel und besteht aus 15 Kacheln, von 1 bis 15 durchnummeriert, die auf den 16 Feldern eines Vier-mal-vier- Quadrats angebracht sind. Ein Feld bleibt also frei. Eine (vertikal oder horizontal) benachbarte Kachel kann jeweils in das freie Feld hineingeschoben werden. Die Aufgabe besteht nun darin, durch Verschieben der Kacheln die Zahlen von 1 bis 15 aufsteigend anzuordnen.
    Die Herausforderung, die Arbeit aber auch der Reiz liegt allein im Prozess des Verschiebens. Es ist nicht möglich, eine Kachel einfach herauszulösen und sie durch eine andere zu ersetzen. Zu jeder Zeit sind alle Kacheln miteinander verbunden und ergeben ein „Bild“. Die meiste Zeit allerdings nicht das von uns angestrebte.
    Wenn wir das schwer aushalten können, liegt es meist daran, dass wir uns mehr auf das „Ergebnis“ fokussieren, als uns auf den Prozess einzulassen.

  • #6

    Ruth Finder (Sonntag, 28 Oktober 2018 15:18)

    Nach wie vor in seiner Eindringlichkeit nicht zu topen:

    Rabbi Jizchak Meir von Ger hat mit starken Worten in einer Predigt vor Selbstpeinigung gewarnt: "Wer ein Übel, das er getan oder erfahren hat immerzu beredet und besinnt, hört nicht auf, das Gemeine, das er getan oder erfahren hat, zu denken. Und was man denkt, darin liegt man, mit der Seele liegt man ganz und gar darin. Er wird gewiss nicht umkehren können, denn sein Geist wird grob und sein Herz stockig werden, und es mag auch noch die Schwermut über ihn kommen. Was willst du? Rühr' her den Kot, rühr' hin den Kot, bleibt's doch immer Kot. Ja, gesündigt, nicht gesündigt, was hat man im Himmel davon? In der Zeit, wo ich darüber grüble, kann ich doch Perlen reihen dem Himmel zur Freude. Darum heißt es: "Weiche vom Bösen und tue das Gute" - wende dich von dem Bösen ganz weg, sinne ihm nicht nach und tue das Gute. Unrechtes hast du getan oder erduldet? Tue Rechtes ihm entgegen."