Cioran

Begründet in dem heutigen kurzen Cioran-Zitat im Kreis ("Die Sekte"), stelle ich mal ein paar Zitate des guten Mannes hier ein. Er ist zwar in vielen seiner Aussagen wahrlich kein echter Positivist, aber eine Reihe wie diese geht spirituell gelesen recht glatt rein. Die Buchtitel deuten allerdings auf Ciorans "andere Seite" hin:

 

Statt dass der Mensch eine druchstrahlende Wesenheit, ein sonnenhaftes und funkelndes Dasein anstrebt, anstatt für sich selbst zu leben - nicht im Sinne von Selbstsucht, sondern von innerem Wachstum -, ist er zum sündigen und impotenten Knecht von draußen verfallen.
("Auf den Gipfeln der Verzweiflung")

Meditieren heißt, in eine Idee aufgehen und sich darin verlieren, während Denken heißt, von einer Idee zur anderen hupfen, sich in der Quantität tummeln, Nichtigkeiten anhäufen, Begriff auf Begriff, Ziel auf Ziel verfolgen. Meditieren und Denken, das sind zwei divergierende, unvereinbare Tätigkeiten.
("Die verfehlte Schöpfung")

 

Meine Abkehr von der Philosophie geschah in dem Augenblick, da ich die Unmöglichkeit erkannte, bei Kant auch nur die geringste menschliche Schwäche, auch nur den leisesten Akzent wahrer Trauer zu entdecken.
("Lehre von Zerfall")

Ein Müßiggänger hat unendlich viel mehr Sinn für Metaphysik als der Betriebsame.
("Auf den Gipfeln der Verzweiflung")


Um die moderne Welt zum Leben wachzurütteln, muss das Lob der Faulheit angestimmt werden, jener Faulenzerei, die innerliche Gelassenheit und ein alles duldendes Lächeln durchtränken.
("Auf den Gipfeln der Verzweiflung")

Die Menschen arbeiten gemeinhin allzu viel, um noch sie selbst sein zu können.
("Auf den Gipfeln der Verzweiflung")

Eine Anstellung hätte sogar aus Buddha einen simplen Nörgler gemacht.
("Syllogismen der Bitterkeit")

Das Glück ist nicht in der Begierde, sondern in der Abwesenheit von Begierde, genauer, in der Begeisterung für diese Abwesenheit - in ihr möchte man sich wälzen, untergehen, verschwinden, sich ausrufen...
("Die verfehlte Schöpfung")

Derjenige, der weiß, hat sich von allen Fabeln getrennt, die die Begierde und das Denken schaffen, er hat sich aus dem Stromkreis ausgeschaltet, er willigt nicht mehr in den Trug ein.
("Die verfehlte Schöpfung")

"Das Auge der Erkenntnis", ein Analphabet kann es besitzen und sich damit über jeden Wissenschaftler erheben.
("Die verfehlte Schöpfung")

Kommentar schreiben

Kommentare: 7
  • #1

    C. (Sonntag, 07 Oktober 2018 19:31)

    Mein persönlicher Favorit in dieser Liste: "Eine Anstellung hätte sogar aus Buddha einen simplen Nörgler gemacht." Hahahagnihihihihi

  • #2

    Ruth Finder (Sonntag, 07 Oktober 2018 21:58)

    Meiner ist: "Das Glück ist nicht in der Begierde, sondern in der Abwesenheit von Begierde, genauer, in der Begeisterung für diese Abwesenheit - in ihr möchte man sich wälzen, untergehen, verschwinden, sich ausrufen..." Hurra!

  • #3

    Simon (Sonntag, 07 Oktober 2018 23:00)

    Mein Seinsmangel.
    Ohne Grundlagen kann man nicht fortdauern,
    obwohl ich mich darum bemühe.
    ("Gevierteilt")

  • #4

    Jonas (Montag, 08 Oktober 2018 09:29)

    Für mich bezeichnend:
    Die Menschen arbeiten gemeinhin allzu viel, um noch sie selbst sein zu können.
    ("Auf den Gipfeln der Verzweiflung")

  • #5

    C (Montag, 08 Oktober 2018 09:44)

    Cioran spricht im von Jonas aufgegriffenen Zitat von "sein zu KÖNNEN". SEIN ist schon Resultat von Frühformen der Weg-Arbeit, die erst einmal den AUSGANGSPUNKT abzuklären, zu erkennen, anzunehmen lehrt. Zu MEINEN, dass man man selbst sei, nur weil man ausreichend Freizeit hat, um AP-Impulsen fröhnen zu können, ist NICHT man selbst sein. Man muss die AP-Struktur erforschen (eigentlich also die HS-Struktur).

    Viel arbeiten stört zwar einerseits die AP am intensiveren Ausleben ihrer Gelüste, aber es schützt sie auch wie ein zweites Bollwerk vor der Weg-Arbeit (das erste Bollwerk wäre eben das intensive Ausleben der Gelüste). Und da ist die AP gern dabei: Doppelt hält besser!

  • #6

    Jonas (Montag, 08 Oktober 2018 10:54)

    Ja, C., ein gewisses Quantum an Freizeit begünstigt es, sich mit seiner AP Struktur in Ruhe auseinandersetzen zu können. Sei es in der unmittelbaren situationsbedingten Innenschau, als auch nachträglich am Abend in zeitlich distanzierter Weise.

    Die AP baut gerne viel Trubel um sich herum auf, liebt das Drama, da Verwechslung mit ihr unter diesen Rahmenbedingungen viel leichter passiert. In solchen Situationen kann man sich auch Anker setzen, indem man in Gedanken laut "STOP" sagt, tief durchatmet (beruhigt etwas die Gefühle), und sich die Zeit nimmt, die vorherrschenden Gedanken und Gefühle einmal aus der Distanz heraus zu betrachten.

    Danke für Deinen Hinweis, dass die eigene AP-Struktur auch unserer HS-Struktur entspricht. Mir scheint es wichtig zu verstehen, dass es da keine Trennung gibt, dass wir unsere AP als höheres Selbst (in den Trennungswelten) nicht nur "haben", sondern diese ja SIND. Sonst wäre Lernen und Wachstum, also Weg-Arbeit, ja gar nicht möglich.

  • #7

    C. (Montag, 08 Oktober 2018 11:48)

    Bezüglich "SEIN ist schon Resultat von Frühformen der Weg-Arbeit" finde ich den ersten Satz von Cioran sehr bezeichnend:

    "Der Mensch (...) ist (...) zum sündigen und impotenten Knecht von draußen verfallen."

    Das ist die vorherrschende Form des vom SEIN entfremdeten, von sich selbst entfremdeten Menschen der sündigt (gegen den GEIST der Schöpfung verstößt) und impotent (nicht zeugungsfähig/ nicht schöpferisch/ nicht individuell originell) ist, weil der dem "Draußen", dem Nicht-selbst-sein, der WELT verfallen ist und nur konsumieren, nachplappern und vorgefahrenen Bahnen folgen kann.