Aus zwei mach eins

Im Zuge der Interpretationsarbeit habe ich die beiden folgenden Geschichten zu einer Katz-Geschichte zusammengedeutet.

Engel und Menschen

Der Kobruner Rabbi rief einst, zur Höhe gewendet: "Englein, Englein, das ist keine besondere Kunst, so in den Himmel als Engel zu bestehen, du brauchst nicht zu essen und zu trinken und Kinder zu zeugen und Geld zu erwerben. Spring du nur mal auf die Erde nieder und gib dich mit Essen und Trinken und Kinderzeugen und Gelderwerb ab, da wollen wir sehen, ob du ein Engel bleibst. Gelingt es dir, dann magst du dich berühmen, jetzt aber nicht!"

Das Land, dass ich dir zeigen werde

Rabbi Sussja hielt es wieder einmal für notwendig, die Chassidim durch eine Erklärung aufzurütteln. Er sprach: "In der heiligen Schrift wird uns erzählt: 'Und Gott sprach zu Abraham: Geh aus deinem Lande, von deiner Freundschaft und aus deinem Vaterhause in das Land, das ich dir zeigen werde.' Nun ist es unerklärlich, warum der Ewige seinen Befehl dreifach bestätigen mußte; er hätte ja sagen können: 'Gehe aus deinem Lande', es versteht sich ja von selbst, dass er dann auch von seiner Freundschaft und aus seinem Vaterhause weggehen mußte. Aber die Thora belehrt uns: Zuallererst gehe aus deinem Lande - das ist aus dem Irrtum, in dem sich dein Land befindet; sodann von deiner Freundschaft - das ist aus dem Irrtum, den dir deine Freunde eingeprägt haben; danach aus deinem Vaterhaus - das ist aus dem Irrtum, in dem du in deinem Vaterhause erzogen wurdest - dann erst kannst du in das Land gehen, das ich dir zeigen werde."

Die erste Geschichte zeigt die hervorgehobene Rolle des Menschen im Gottes Plan im Vergleich zu den Engeln, da der Mensch Erfahrungen in der Welten der Trennung sammelt, und somit den Prozess der Individuation durchläuft.

In der zweiten Geschichte erweist sich Rabbi Sussja als Verfechter der Drei-Säulen-Lehre. Und ihr Versteher. Tatsächlich, denn er zäumt das Pferd sozusagen von vorne auf: Erst, wenn wir unsere Verfehlungen erkennen, können wir etwas Sinnvolles aufbauen.

Große und kleine Brüder

Rabbi Jakov ben Katz nannte die Engel kleine Brüder der Menschen und ihre Helferlein. Auf die Nachfrage, wie das stimmen könnte, wohnten doch die Engel hoch im Himmel, erzählte er folgende Geschichte:

"Einst am Anfang der Zeit vernahm der Schöpfer lautes Gedränge an der Pforte zu seinem Reich. Er schickte einen Diener auf Erkundung. Zurückgekehrt berichtete dieser, dass eine Menge Menschen und Engel vor dem Tor stehen und um Einlass bitten würden.

"Geh zu ihnen und überbringe dieses mein Wort! Drei Säulen sollen sie bauen. Die eine Säule hat mit einem selbst zu tun, die andere stützt eines jeden Nächsten, die dritte im Gebilde umfasst Orte und Dinge aller Art. Gelingt es ihnen, schon die ersten Säulensteine auf die richtige Weise zu legen, bekommen sie von mir genug Mörtel zum Weiterbauen. So schaffen sie sich einen eigenen Zugang zu meinem Reich, der von diesen drei Säulen gestützt werden wird."

Der Diener tat, was ihm auferlegt wurde.

Die Engel hatten nichts zur Hand, womit sie die Säulen errichten könnten, und sie wussten nicht, wie sie diese bauen sollten. Die Menschen aber trugen eine ganze Menge Stolpersteine der Erfahrung bei sich. Und einige von ihnen wussten, wie sie die Säulen nicht bauen sollten.

Seitdem geht den Menschen die Arbeit an den Säulen nicht aus. Die Engel schauen auf zu den Menschen ob ihrer Aufgabe und reichen ihnen fleißig den von Schöpfer bereit gestellten verbindenden Mörtel zu. So erfüllt jeder das seine."

(Ruth Finder)

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