Alte Brillengläser

Rabbi Jakov ben Katz saß mit seiner Frau Perle in der heimeligen Stube vor dem wärmenden Feuer des Kaminofens und seufzte tief. Perle ließ die Stickerei, an der sie arbeitete, auf ihren Schoß sinken und schaute ihren Gatten aufmunternd an. Nach so vielen gemeinsamen Jahren wusste sie sämtliche Seufzer des Rabbis zu deuten. Dieser Seufzer gehörte eindeutig zu denen, die der Rabbi bei Ratlosigkeit von sich gab. Er begann zu erzählen: „Ach Perle, der gute Naftali macht mir große Sorgen. Jedesmal wenn ich ihn treffe, erzählt er mir, wie dunkel die Welt um ihn herum sei. Egal, was ich ihm auch rate, er antwortet mir immer dasselbe. Ich würde ihn nicht verstehen. Es bekümmert mich tief, zu sehen, wie er in seiner Einsamkeit versinkt und ich weiß mir einfach keinen Rat.“

Perle sah ihren Mann voller Zuneigung an und sprach: „Mein lieber, lieber Jakov, ich kenne dich als einen sehr weisen und fürsorglichen Rabbi. Aber alle Weisheit und Fürsorglichkeit der Welt kann nichts ausrichten bei dunkel eingefärbten, alten Brillengläsern.“

 

(Ruth Gabriel)

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