Der Brooz

Als Kind habe ich in einem Heftchen über Geschichten aus der heimatlichen Region eine Geschichte gelesen, die ich damals und auch heute noch sehr lustig fand und finde. Ich meine mich zu erinnern, ich habe diese Geschichte auch schon mal erzählt. Heute fiel mir diese Geschichte wieder ein.

Ein Bauer führte mit seinem Knecht einen Ochsen zum Markt, um ihn dort zu verkaufen. Auf dem Weg dorthin machten sie zwischendurch eine Rast und setzen sich neben die Straße auf eine Wiese. Die Wiese war von der Straße durch einen Graben getrennt, in dem eine Kröte saß. Der Bauer sah die Kröte und hatte eine glänzende Idee, die ihm richtig spaßig vorkam. Er sagte zum Knecht: „Wennst du den Brooz frisst, keat dia der Ochs.“ („Wenn du die Kröte aufisst, dann gehört dir der Ochse.“)
Für den Knecht bedeutete der Ochse ein kleines Vermögen und er wurde ganz gierig auf den Ochsen. Beherzt und fest entschlossen nahm er die Kröte und fing an sie aufzuessen. Als der Bauer sah, wie der Knecht tatsächlich die Kröte aß wurde ihm ganz bang und er glaubte seinen Ochsen schon verloren. Er stellte sich vor, wie ihn seine Frau beschimpfen würde, wenn er anstatt des vielen Geldes mit leeren Händen vom Markt nach Hause käme. Als der Knecht die Hälfte der Kröte aufgegessen hatte, grauste ihm so sehr, dass er zum Bauern sagte: „Du Bauer, wenns du de andere Heifte vom Brooz frißt, dann keat der Ochs wieda dia.“ („Wenn du die andere Hälfte der Kröte isst, dann gehört der Ochse wieder dir.“) Der Bauer war sehr froh und erleichtert über dieses Angebot und er sah seine letzte Chance seinen verloren geglaubten Ochsen wiederzubekommen. Er beeilte sich, die übrig gebliebene Hälfte der Kröte aufzuessen. Die Rast war schließlich zu Ende und beide machten sich schweigend mit dem Ochsen wieder auf den Weg. Nach einiger Zeit blieb der Knecht nachdenklich stehen und sagte zum Bauern „Du Bauer, warum ham mia iaz den Brooz gfressn?“

Der erste Impuls, den man bei der Geschichte haben könnte, wäre „Wie absurd ist das denn? Wie kann man so was machen?“ Die Geschichte zeigt so einige unschöne Aspekte der Alltagspersönlichkeit auf: z. B. Machtimpulse (beim Bauern), Gier (beim Knecht und beim Bauern) ungeachtet dessen, dass man sich selbst schadet, bzw. anderen Schaden zufügt, in diesem Fall in erster Linie „dem Brooz“, dessen Leben genommen wird. Als der Knecht etwas Abstand gewinnt, wir ihm bewusst, wie sinnlos und absurd die ganze Aktion war. Mit etwas Abstand betrachtet erscheinen mir die zwischenmenschlichen Konflikte, die ich selbst im Alltag erlebe, auch sinnlos und absurd. Es geht so oft um Macht, Rechthaberei, Gier und andere unschöne Aspekte und es wird nicht bemerkt, dass man sich und anderen schadet, so lange man im System der AP gefangen ist.
Andererseits wiederum (um auf die Geschichte zurückzukommen) war die ganze Aktion gar nicht sinnlos, wenn der Knecht und der Bauer dadurch wirklich etwas gelernt haben. Schade nur um die arme Kröte. Karmisch besser wäre es für Bauer und Knecht gewesen, wenn deren Lerneffekt nicht auf Kosten der Kröte gegangen wäre...
Bestimmt gibt es aber noch weit geistreichere Deutungsversuche zu dieser Geschichte...

 

(Karin)

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Kommentare: 10
  • #1

    C. (Donnerstag, 27 September 2018 19:27)

    Gute Geschichte! Ja, auf dem Karma-Pfad gibt es schon die eine oder andere Kröte zu schlucken (auch wenn es manchmal nur eine halbe ist).

    Auf "geistreichere" (Tiefstaplerin ^^) Deutungen bin ich gespannt. Ich grüble auch schon die ganze Zeit.

  • #2

    Ruth Finder (Donnerstag, 27 September 2018 19:34)

    Ich finde Karins Deutung richtig gut.

  • #3

    C. (Donnerstag, 27 September 2018 20:00)

    Vorschlag: Der Bauer (der mit dem Pflege- und Bewirtschaftungsauftrag - "Macht euch die Erde untertan!") ist das HS innerhalb der Trennungswelten. Der Knecht ist die AP, wie sie eigentlich sein sollte. Ein Diener des HS. Beide sind auf dem Weg zum Markt, um den Ochsen (den grobstofflichen Körper) dort zu verkaufen. Das könnte man verstehen als den Versuch Arbeit für den Broterwerb zu suchen. Also "sich" und seine Arbeitskraft zu verkaufen.
    Bei einer Rast überkommt das HS ein Machtimpuls, sie "sticht der Hafer", wie Karin sehr treffend interpretiert. Sie bietet der AP die Kontrolle über den grobstofflichen Körper an - wenn sie die (damit verbundene) Kröte schluckt.
    Da könnte man jetzt weit ausholen. Einerseits juckt es die AP, die Kontrolle zu haben, denn der gK bietet ja auch einige weltliche Freuden (wenn dieser hier auch kastriert ist ^^). Gleichzeitig stellt er auch eine Menge Forderungen und vieles Tun hat handfeste unangenehme Konsequenzen. Das ist wohl das Unschöne daran, und das findet die AP ja auch schnell heraus und will wieder aus der Sache raus..
    Dem HS wird jedenfalls auch schon mulmig bei dem Gedanken, wirklich die Kontrolle über den gK zu verlieren. Seine Frau (das HS außerhalb der Trennungswelten? das Karma? Gott - das Braut/Bräutigamding mal andersrum gesehen?) wird ihm schön die Hölle heiß machen. Schnell schluckt er den Rest der Kröte... Und alles ist wieder wie zuvor. Nur, dass eben eine Kröte geschluckt wurde. Nur dass die AP etwas gelernt hat. Nur dass über die AP auch das HS etwas gelernt hat.
    Der einzige Dreh, den ich jetzt zu vorgerückter Stunde nicht mehr hinkriege: Das HS muss ja, da es wieder die Kontrolle hat, immer weiter die Kröte(n) schlucken. Da muss ich morgen nochmal nachdenken.

    Und jetzt guna und bimo!

  • #4

    R.G. (Donnerstag, 27 September 2018 20:22)

    Ja mei, des hoabts ia ja pfundig interpretiert.^^
    Servus

  • #5

    Simon (Donnerstag, 27 September 2018 20:53)

    "Do legst di nieda!"

  • #6

    K (Freitag, 28 September 2018 11:08)

    Sehr interessante Interpretation von Clemens.

  • #7

    Ruth Finder (Freitag, 28 September 2018 17:24)

    Wie gesagt, ich fand Karins Deutung der Geschichte sehr treffend, naheliegend und ausschöpfend. Aber es arbeitete in mir weiter, weil ich noch etwas gesehen habe. Meine Deutung ist auf den ersten Blick a bissl schwer zu sehen. Spaß gemach hat das aber trotzdem.

    Aus meiner Sicht spielt sich diese Geschichte z.B. oft in einer Fußgängerzone (die Orte und Gegebenheiten wechseln, aber das Verhaltensmuster ist das gleiche). Sie spielt sich immer in ein paar Sekunden ab. Und in meinem Beispiel auch auf einer Länge von 10 Metern des Fußweges.

    Also man sieht eine arme alte Frau betteln. Das Gewissen (der Bauer) hat eine glänzende (im wahrsten Sinne des Wortes) Idee, ihr am liebsten, sagen wir, gleich 5€ zu geben - das ist ein edler Impuls: die Großzügigkeit. Und oft war es das auch schon mit der unabhängigen höheren Großzügigkeit. Denn es geht für fast alle von uns nichts ohne das Ego (den Knecht). Und um das Ego zum Mitmachen zu animieren, verspricht ihm das Gewissen als Belohnung, stolz im Besitz einer guten Tat zu sein (dem Ochsen). Und das, und nur das ist das Vergehen des Gewissens/"des Bauern": die Macht aufzugeben und nicht auszuüben! Also die Absichslosigkeit preiszugeben! Das Ego macht das auch am Anfang bereitwillig mit, denn es weißt ja ganz genau, womit es sich aufpolieren kann. Nun muss das Ego aber dafür tatsächlich das Geld abgeben (die Kröte schlucken). Diese Überlegungen passierten in Millisekunden auf den ersten 3 Metern.

    Auf den nächsten 3 Metern überlegt sich das Ego hadernd alles mögliche: Muss es so viel sein? Ich muss das Geld erst selber verdienen. Wieso sitzt sie da überhaupt? Mehr als 1€ ist nun wirklich nicht drin! Das Gewissen ist auch angeschlagen, denn die ganze Aktion ging nicht nach dem höheren Prinzip der Absichtslosigkeit, und es schämt sich vor Gott (des Bauern Frau).

    Noch 3 Meter und ein paar ähnlichen Gedanken weiter, direkt vor Bettlerin, denkt das Ego, wieso kucke die Alte so komisch, sie verdiene nicht mal 50 Cent gespendet, und geht an der Bettlerin mit unguten Gefühlen vorbei. Da macht es nicht mehr mit. Dabei ist das Ego von sich überzeugt. Das ist der Moment, wo der Rest der Kröte (die erste Hälfte war dieser innere Kampf, den das Ego auszutragen hatte) an das Gewissen geht. Das Gewissen wird schlecht, das heißt, das es versteht, was schief gelaufen ist. Dieses Verständnis anzunehmen, ist das Aufessen seiner Hälfte der Kröte. Aber das ist auch der Versuch, sich bei Gott zu entschuldigen und vielleicht beim nächsten Mal die gute Tat nicht dem Eigennutz des Ego preiszugeben (wegen der Frau wieder alles gut zu machen).

    Aber das Ego (der Knecht) fragt sich 1 Meter weiter von der Bettlerin entfernt, warum es sich überhaupt darauf eingelassen hat.

  • #8

    C. (Samstag, 29 September 2018 20:10)

    Fortsetzung (auch zu später Stunde): Das HS muss immer weiter die Kröte(n) schlucken, weil es sowieso immer die Kröte(n) schlucken muss. Das Schlucken der Kröte(n) gehört zu seiner Mission in den Trennungswelten! Es hat das nur vor dem Ereignis während der Erholungspause nicht gewusst. Erst dadurch, dass es der AP das Schlucken der Kröte im Tausch gegen den Ochsen angeboten hat, hat es erfahren, dass es selbst (die ganze Zeit) die Kröte schlucken muss...

  • #9

    Simon (Samstag, 29 September 2018 21:30)

    Diese besondere Art der Kröte, ist nicht vom Aussterben bedroht!

  • #10

    K (Sonntag, 30 September 2018 19:17)

    Toll, was man aus so einer Brooz-Geschichte alles herauslesen bzw. hineininterpretieren kann.