Bruder Hyazinth und das Liebesgebot

Bruder Hyazinth hatte bei Johannes 13.34-35 gelesen: "Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt."

Etwas weiter dann stand bei Johannes 14.21-26: "Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist's, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. Spricht zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe."

Und schließlich bei Johannes 15.9-17: "Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe. Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe. Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, auf dass, worum ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe. Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt."

Bruder Hyazinth versank in tiefes Nachdenken. Er erkannte, dass Begriffe wie "euch" und "einander" sowohl als alle einschließend als auch als andere ausschließend verstanden werden können. Damit erschienen Hyazinth die Aussagen zweischneidig und relativ entwertet. Obwohl er in sich das Liebesgebot als absolut empfand, war ihm mit seiner eigenen heiligen Schrift plötzlich nicht mehr wohl.

Als er das nächste Mal bei Meister Brombeere saß, musste er seine Bedenken thematisieren, denn er fand nach seiner Lektüre und seinen Meditationen über die Bibeltexte nun keinen leichten Zugang zur Versenkung mehr. Sein Zweifel stand ihm im Wege.

Meister Brombeere hörte sich das an. Dann sagte er: "Jeder christlich gebildete Mensch bei uns kennt den heiligen Augustinus. Er ist neben Ambrosius, Hieronymus und Gregor dem Großen im Abendland als einer der vier großen Kirchenväter bekannt. Eines seiner Attribute ist das von Pfeilen durchbohrte, flammende Herz, das für seine große Gottesliebe steht. Er war ein Eiferer des Herrn und bekämpfte andere Religionen und andere christliche Strömungen. Dabei stritt er nicht nur mit Argumenten, sondern nutzte auch - das Christentum war damals seit etwa 25 Jahren Staatsreligion im weströmischen Reich - militärischer Mittel der Regierung, um die Donatisten zu bekämpfen, die vor allem eine andere Haltung zu unter den Christenverfolgungen vom Glauben abgefallenen Klerikern hatten, als die frühe katholische Kirche. Darin also bei Augustinus von "Feindes"-Liebe keine Spur. Und: Kann es sooo große Gottesliebe geben, ohne dass alle Menschen geliebt werden? Auch solche mit abweichenden Meinungen?"

"Nein," sagte Bruder Hyazinth, "uns ist heute der äußere Kampf um Rechtgläubigkeit schwer verständlich. Es gibt viele 'Kirchen' nebeneinander, die durchaus Lehrunterschiede aufweisen, für die Menschen vor einigen Jahrhunderten den Feuertod erleiden mussten. Oder ähnlich schreckliche Hinrichtungen."

"Wäre die Frage, ob diese Kirchen nur wegen des Verlustes ihrer weltlichen Macht so friedlich nebeneinander existieren," gab der Meister zu bedenken. "Verändere die Rahmenbedingungen, und es steigen gleich wieder Augustinusse und kleinere Geister auf, die Liebe und Hass miteinander vermengen können. Das ist es ja im Grunde, was alle Menschen können und tun. Gäbe es in der Schrift nicht auch Texteabschnitte wie 1.Korinther 13, dann bliebe vieles dunkel, was die Liebe betrifft. So aber kann kaum mehr gesagt werden - außer, dass jeder einzelne Schüler des Weges eben auch tatsächlich, also in jeder getanen Sache, umsetzen lernen muss. Wo darin Mangel ist, darin bleibt großes Ungenügen."

Damit entließ er Bruder Hyazinth, und der begab sich zurück in seine Zelle, um sich in Paulus' Hohelied der Liebe zu vertiefen:

 

"Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.
Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."

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