Märchen verstehen

Wie schon erwähnt, sorgte sich der Schargoroder Rabbi um die Kleinen seiner Gemeinde - er unterrichtete sie. Die Kinder kamen öfters auch zu ihrem Lehrer nach Hause. Nach einigen Malen - als sie auf den Rabbi warten mussten, weil er im Bethaus verhindert worden war - entschloß sich Perle, etwas zu unternehmen. Denn, was tun mit der lauten, herumwirbelten Schar?

Als kleines Mädchen lernte sie von ihrem Vater lesen und schreiben. Da kam ihr in den Sinn, den Kindern Märchen vorzulesen und so - zu aller Freude - die Zeit, bis der Rabbi kommt, zu überbrücken. Sie fuhr in die nächst größere Stadt und kaufte in einer gut sortierten Buchhandlung ein schönes Märchenbuch.

Die Kinder waren begeistert. Sie lauschten gebannt Perles ruhiger Stimme. Ihnen öffnete sich eine wundersame Welt voller Zauber, Helden und Schurken, Königen und Hexen, sprechenden Tieren und lebendigen Dingen.

Eines Tages suchte aber Perle vergeblich das Buch. Sie wollte eigentlich etwas drinnen nachschlagen und fand es nicht an dem gewohnten Platz.

Plötzlich hörte sie aus der kleinen Kammer unter der Treppe kommend wiederholt ein glückseliges Jauchzen gefolgt von tiefen Seufzen; dann wieder Stille, die von den Ausrufen "Ach so!" oder vom nachdenklichen "Wie wahr!" unterbrochen worden war.

Verwundert kam sie näher und vernahm mehr schlecht als recht ein Murmeln:

"... Und das Wetter! Die Wolken, das aufbrausende Meer! ...Nichts gemerkt, ...wie ein Sklave. ...Diese große Leere, Hochmut. ...alle... wie dieser armer Fischer und erst sein Weib! Aber Gottes Geduld in aller Ehre!"

"...ach, die Erbse, die Erbse! Jetzt verstehe ich. Wie wunderbar ...mein Seelenschatz! Wie viele dieser Matratzen und Eiderdaunendecken, ich meine, dieser weltlichen Schichten, sind denn noch über ihm?! ...auch ich bin wund und ruhelos."

Und weiter noch hörte sie etwas von "Entlein und Gottes Kindern", von "Kleidern und Wahrheit", von "Hans und Freiheit", von "Geschwistern, Finsternis und zurück zum Gott-Vater".

Nun war Perle neugierig geworden. Sie klopfte an der Tür und machte sie sogleich auf. Sie sah, wie Ihr Mann auf dem Boden der winzigen Kammer kauerte und das Märchenbuch fest in den Händen hielt.

"Du liebe Güte, Jakov! Gib mir doch das Kinderbuch! Ich suche es überall!"

"Meine werte Frau!", sagte der Rabbi, "Mir scheint, dass die Zaubergeschichten unser aller Lektüre sein sollten. Für die Unwissenden sind sie ein Vergnügen, aber für diejenigen, die auch nur ein Zipfelchen des Wissens in der Hand halten, sind sie eine Lehre."

 

(Ruth Finder)

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