(Kein) Problem II

Hat der Rabbi in der nachfolgenden Geschichte ein heimliches Alkoholproblem, das er geschickt mit Gastfreundlichkeit und mit Gottes Namen kaschiert ? Die Chassiden waren der flüssigen Freude nicht abgeneigt. Ist er ein Co-Alkoholiker? Ist er beliebig, schwach, unkritisch?

"In einer Mitternacht, als Rabbi Mosche Löb in das Geheimnis der Lehre versenkt war, klopfte es an sein Fenster. Draußen stand ein betrunkener Bauer und begehrte Einlass und Nachtlager. Einen Augenblick war das Herz des Zaddiks erzürnt und redete zu ihm: 'Wie erfrecht sich der Trunkenbold, und was soll er uns hier im Haus?' Dann antwortete er seinem Herzen: 'Und was soll er Gott in seiner Welt? Wenn Gott sich mit ihm verträgt, kann ich mich ihm weigern?' Sogleich öffnete er die Tür und bereitete das Lager."

In etwas milderer Form schlägt aber diese Geschichte in die gleiche Kerbe wie bei dem Ägypter. Und zwar geht es in beiden Erzählungen darum, dass es keine Zufälle gibt, dass alles in Gottes Schöpfung einen Sinn hat, welchen wir nicht zu begreifen in der Lage sind. Es geht eigentlich darum, dass wir nicht urteilen und verurteilen sollten und auf dieser Basis schlussfolgern. Durchaus handeln, aber nicht urteilen. Vielleicht hat der Alte aus der Gerontikon-Erzählung etwas unternommen, was nicht seinen Weg in die Geschichte gefunden hat, aber er hat nicht verurteilt. Und das war dem Erzähler wichtiger zu erwähnen.

Zugegeben, die Geschichten bzw. die Antworten der heiligen Männer sind absolut formuliert - wie übrigens vieles in der spirituellen Schriften. Diese Ausschließlichkeit gibt aber das (ferne) Ziel an, das man verfolgen soll. Nun könnte man erwidern, dass wir wiederum in solchen Schriften und Geschichten aller Art auch das Gegenteil finden, nämlich, dass man Schritt für Schritt vorgehen soll, bzw. dass man ohne abzuschweifen, seinem jetzigen Stand der Entwicklung entsprechend das Naheliegenste vornimmt. Wir erinnern:

"Ein Schüler fragte Rabbi Jaakob Jizchak von Lublin: 'Wie ist es, wenn man eine Stufe vor sich sieht, die man, solange man auf dieser Welt lebt und in diesem Körper gebannt ist, nicht erreichen kann? Was ist der Weg dorthin und kann man den Weg hier immer weiter gehen? Muss man da nicht Gott bitten, dass er einen hinweg hebe?'
Der Rabbi antwortete: 'Ach, Söhnchen, was willst du mit Stufen? Wenn du an Stufen zu denken beginnst, kommst du an kein Ende. Die Weisen erzählen, dass, wenn man da draußen von Welt zu Welt aufsteigt, dann nimmt sich die Welt, in der man steht, als eine Erde aus, und jedesmal spannt sich hoch über ihm als Himmel eine Welt, die er noch nicht kennt, und wieder wird der Himmel zu Erde. So ist es mit den Stufen. Der Weg aber ist, wie wenn man an einer Landstraße baut. Man schleppt Steine, man stampft sie ein, man walzt - und natürlich bleibt man dabei nicht am gleichem Fleck, man kommt weiter: das ist der Weg.'"

Das ist aber kein Widerspruch. Die Sache ist die - man muss beides im Auge behalten.

(Ruth Finder)

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