Vom Sehen und Geschehen

Es hatte sich so zugetragen, dass ein Schüler des Schargoroders sich in seinem Bethaus rar machte. Eines Tages lud der Rebbe seinen Schützling zu einem Spaziergang ein und fragte diesen nach der Ursache für sein häufiges Fernbleiben. Der junge Mann hüllte sich in Schweigen. Sein Lehrer schwieg mit ihm mit.

Aber als die beiden die Grenze des Städchens verließen, da brach es aus dem Schüler heraus: "Rabbi, ich fürchte mich! Mein Lebtag schon fürchte ich mich vor dem Herrn!"

"Wie das?", fragte Jakov ben Katz.

Der Geplagte weiter: "Man sagt doch, dass der Herr alles sieht! Keiner kann seinem prüfenden Auge entkommen! Ist das so? Verstecken, verstecken möchte ich mich am liebsten vor ihm!"

Mittlerweile befanden sich die Zwei auf einem schmalen Pfad, der sich um einen hohen Hügel schlang. Und man wusste, dass es irgendwo in weiter Ferne eine große Stadt namens B. gab.

Scheinbar zufällig fragte der Rabbi seinen Schüler: "Wie kommst du denn in die Stadt B.?"

Dieser staunte ob der Frage und antwortete: "Ich war noch nie dort, aber erst würde ich diesem Pfad folgen und dann würde ich schon sehen, welche Wege sich mir öffnen, und ich entschiede mich jeweils dort, welche ich nähme."

"Lob dem Herren! Denn er hat für alles gesorgt", pries der Rabbi gen Himmel blickend.

Der Schüler verstand nicht.

Da sagte der Rabbi auf einmal: "Komm mit!" Und schon kletterte er flink den Berg hinauf.

Zuerst konnten die Männer sehen, dass der Pfad an einer Kreuzung mündete. Und als sie höher aufstiegen, sahen sie, dass der gerade Weg in einen Wald führte, dass der rechte Weg sich um einen großen Sumpf herum bog und, dass der linke Weg sich zu einem schmalen, aber brausenden Bach gesellte und sich in der Weite verlor. Und je höher der Rabbi und sein Schüler den Berg erklommen, desto mehr sahen sie die ganze Umgebung mit immer neuen weiteren Wegen, die alle zu dieser Stadt B. führten.

An den Gipfel angelangt, verkündete der Rabbi: "Verstehst du jetzt? So wie wir jetzt alle Wege dort unten sehen, sieht Gott alle Möglichkeiten, die wir im Leben haben, die wir je haben werden, die uns in sein Reich führen werden. Er hat, ja, alles schon geschehen lassen und wir müssen nur wählen. Das ist damit gemeint, dass der Herr alles sieht!"

Und so geschah es, wie es oft geschieht, wenn einem die große Last von der Seele fällt - mit seinem ganzen Gemüt kehrt man um. Man pendelt in die andere Richtung.

Der Schüler rief erleichtert aus: "Ich fürchte mich nicht mehr!" Trunken von seiner eigenen Kühnheit sprach er trotzig weiter: "Siehe! Ich kann dem Herren sogar ein Schnippchen schlagen. Gesetzt, ich gehe an der Abzweigung nach links. Dann wandere ich aber nicht diesen Weg dem Bach entlang, sondern ich fälle einen Baum, werfe ihn über die tobenden Gewässer und bin im Nu auf der anderen Seite. Ich habe dann einen neuen Weg gefunden. Ich bin mir jetzt mein eigener Herr!"

Rabbi Jakov trat an den Schüler heran und sagte: "Ach, Söhnchen! Aber das ist doch auch unser Herr, der diesen Baum dahin gestellt hat! Und das ist er auch, der dir den Verstand und die Freiheit gab, dich so oder so zu entscheiden. Auch das hat er vorgesehen."

Und so rückte der Lehrer seinen Schüler sanft in die Mitte.

(Ruth Finder)

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