Empfangen

Wer von oben empfangen will, der muss notwendigerweise ganz unten sein in rechter Demut. Und das sollt ihr in Wahrheit wissen: Wer nicht völlig unten ist, der empfängt auch nicht; der empfängt auch nichts, wie geringfügig es immer sein mag. - Hast du es irgendwie auf dich, auf ein Ding oder auf jemand abgesehen, so bist du noch nicht unten und empfängst daher auch nicht. Bist du dagegen ganz unten, dann empfängst du fortwährend und vollkommen. - Gottes Natur ist es, dass er gibt, und sein Wesen hängt daran, dass er uns gebe, sofern wir unten sind. Sind wirs noch nicht, so empfangen wir eben auch nicht; vielmehr tun wir ihm gleichsam Gewalt an und töten ihn. Können wir es ihm nicht selbst antun, so tun wir es uns an, soweit es an uns liegt.

 

(Meister Eckhart)

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Kommentare: 4
  • #1

    Simon (Dienstag, 07 August 2018 12:04)

    Auch so ein Schlauberger.
    Aber recht hat er, da gibt es nichts zu deuteln.

    Der vollendete Volontär. ^^

  • #2

    Jonas (Montag, 13 August 2018 15:48)

    Ganz unten sein bedeutet, alles, was oberhalb ist, loszulassen, solange, bis nichts mehr da ist, an das man sich anklammern kann. Man ist dann auf dem (Ur-)Grund angekommen. Dort, wo Gott zu finden ist.

    Loslassen und damit leer zu werden ist die Bedingung, um in die rechte Demut zu gelangen, wodurch es erst möglich wird, dass Gott zu uns durch die Stille spricht und sich letztlich in uns ergießt.

    Rumi hat dieses erforderliche Leerwerden folgendermaßen ausgedrückt: "Ist das Schilf voll mit Mark, so können darauf keine Melodien erklingen. Erst, wenn das innere des Rohres ausgebrannt ist [Anm.: durch das Feuer des Karmas, durch eigenes Erkennen], können darauf die Lobpreisungen Gottes klingen." [werden wir das Instrument, auf dem er spielt].

  • #3

    Ruth Gabriel (Montag, 13 August 2018 21:51)

    Ganz unten = sich in die Tiefe fallen lassen, ohne Anhaltspunkt, den Eigenwillen aufgeben, völlige Hingabe

  • #4

    Simon (Dienstag, 14 August 2018 06:17)

    "ohne Wenn und Aber"