Zwei Bettler

Beizeiten mischte sich der Schargoroder Rabbi unerkannt auf dem Wochenmarkt unters Volk und beobachtete mit großem Interesse das bunte Treiben. Manchmal war er dabei auch als ein Bettler verkleidet. Das Geld, das in seinem Hut landete, spendete er den Armen seiner Gemeinde.

Diesmal, als er sich wieder an einer belebten Ecke des Marktes niederließ, saß im ein Bettler gegenüber, der haupsächlich mit Almosen sein Lebensunterhalt bestritt. Das Geschäft lief für diesen nicht so gut: Leute gaben ihm bestenfalls ein paar kleine Münzen, die meisten gingen hastig - ohne den Armen auch nur anzukucken - vorbei. Bei dem Rabbi hingegen waren die Leute viel spendierfreudiger. Und auch die, die nichts für ihn hatten, nickten ihm freundlich zu. Das Gesicht seines Bettelbruders wurde grimmiger und grimmiger.

Und dann konnte der Rabbi dies verfolgen: Ein Marktbesucher ging ziemlich züzig an dem Bettler vorüber und würdigte ihn dabei keines Blickes. Der Bettelmann schaute dem Manne ganz böse hinterher. Auf einmal drehte sich dieser um, lief auf unseren Bettler zu und gab ihm einen Backenstreich.

Nach einer Weile ging der gleiche Besucher auch am Rabbi Jakov vorbei, ohne ihm etwas zu geben. Und auch hier machte er nach ein paar Schritten kehrt, aber diesmal, statt handgreiflich zu werden, legte er ein wenig Geld in des Rabbis Hut.

Das bemerkte der unglückliche Bettler und eilte zu Jakov ben Katz herüber. Aufgeregt und streitlustig beschwerte er sich bei dem Rabbi ob der Ungerechtigkeit, wurde aber unter Rabbis sanftem Blick ruhiger und fragte dann wehleidig, wie dieser es schaffe, dass die Leute ihn wohlwollend behandeln würden.

Rabbi Jakov fragte den Mann seinerseits, welche Gedanken er so den Leuten gegenüber hege.

Der Bettler stieß bitter aus: "Welche wohl, Geizhälse sind die und sollen sich dahin verziehen, wo der Pfeffer wächst! Geht es dir denn nicht so?!"

Der Schargoroder antwortete: "Nicht doch! Ich segne jeden, der mir etwas gibt, und um so mehr segne ich diejenigen, die nichts geben. Mit deinem Fluch weckst du in den Leuten ihre schlimmen Neigungen, ich mit dem Segen ihre guten. Versuch das auch!"

Nicht ganz davon überzeugt kehrte der Bettler zu seinem Platz zurück. Und schon ging der Nächste an ihm vorbei. Der Almosenmann riß sich zusammen und dachte bei sich: "Gott sei mit dir, aber es ist schade. Geh mit Frieden, auch wenn du mir nichts gibst." Und gleich wurde er beschimpft.

Verzweifelt schaute er Rabbi Jakov an.

Der Zaddik rief im zu: "Ohne wenn und aber, mein Freund! Ohne wenn und aber."

Verwundert darüber, dass Jakov ben Katz seine Gedanken wie ein offenes Buch lesen konnte, wollte er ihn fragen: "Wer bist du?!"

Aber da war der Schargoroder schon entschwunden.

(Ruth Finder)



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Kommentare: 1
  • #1

    Simon (Dienstag, 07 August 2018 13:18)

    Zwanzig Jahre später saß Nochem vor dem Ofen in seinem kleinem Haus, und sah entspannt in die vergehende Glut.
    Er erinnerte sich gerne und voller Dankbarkeit an diesen vergangenen Moment der Begegnung.

    Er bettelte noch volle Fünf Jahre, vergaß aber nie die Belehrung des Rabbis.
    Zwei Jahre brauchte er, um seinen Ärger über den Schlauberger, über Gott selbst und überhaupt alle anderen loszulassen.
    Zwei Jahre brauchte er, um sein Herz für seine Mitmenschen zu öffnen, ihren Schmerz und die Sorgen zu sehen, die auf ihnen lasten.
    Diejenigen, die nichts gaben, hatten alsbald sein Mitgefühl, sie trugen häufig eine noch größere Last als er selbst.
    Ein Jahr genoss er in vollen Zügen, denn er erbettelte so viel, dass es ihm an nichts mehr fehlte.

    Dann hielt „ohne wenn und aber“ Einzug. Er begriff, lächelte, stand auf, klopfte sich den Staub von seinen Kleidern und kam nie wieder um zu betteln.