Ein Motiv zur Erinnerung

Karren - 22. Dezember 2014


Meister Brombeere sah Bruder Hyazinth, wie er täglich mit großer Hingabe seine spirituellen
Übungen vollführte. Er fragte ihn: "Bruder, was bezweckst du mit diesen Übungen?"


"Meister," erwiederte der, "ich möchte Erleuchtung erlangen!"


Meister Brombeere schüttelte den Kopf: "Beharrlichstes Üben allein wird dich nicht zur
Erleuchtung führen."


Bruder Hyazinth blickte verzweifelt: "Was kann ich dann aber tun?"


Der Meister antwortete: "Es ist wie mit dem Lenken eines Ochsenkarrens. Was kann der Fuhrmann
tun, wenn sein Karren steckenbleibt? Soll er den Karren peitschen, oder den Ochsen?"


Atemzug - 18. August 2015


Bruder Hyazinth erschien zum "Gespräch von Herz zu Herz" bei Meister Brombeere. Nachdem sie
sich voreinander verneigt hatten, fragte Meister Brombeere den Bruder nach seinen Fortschritten.
Der berichtete davon, was er alles zunehmend gut beherrsche, konstant betreibe oder neuerdings
erfolgreich zu seiner Aufgabe gemacht habe. Dann druckste er ein wenig herum und kam
schließlich mit seinem Problem heraus.


"Mit alldem bin ich recht zufrieden, eine Sache allerdings will mir nicht gelingen. Ich vermag es
einfach nicht, einspitzig auf meine Atmung konzentriert zu bleiben, ohne abzuschweifen. Weder
schaffe ich es eine volle Meditationssitzung hindurch, noch eine Viertelstunde, noch auch nur fünf
Minuten. Ich bin der Verzweiflung nah. Ich bin einfach unfähig einspitzig zu meditieren."


Meister Brombeere reichte Bruder Hyazinth eine Schale Tee und sagte: "Ich denke, dir steht deine
Vorstellung im Weg. Beantworte mir eine Frage! Kannst du dich denn einen Atemzug lang auf
deinen Atem konzentrieren?"


Bruder Hyazinth, der seinen Tee pustete, nickte: "Klar, das schaffe ich."


"Siehst du? Du hast alle Voraussetzungen. Das machst du nun von Atemzug zu Atemzug. Der
halbstündige Spaziergang wird in Wirklichkeit auch Schritt für Schritt vollzogen, nicht indem man
die ganze Zeit darüber nachdenkt, dass man irgendwie die halbe Stunde schaffen muss."


Von da an war Bruder Hyazinth immer der Erste, der die Meditationshalle betrat und der Letzte, der
sie verließ, denn er hatte endlich einen Zugang dazu gefunden, wie er mit seiner Aufmerksamkeit
bei seinem Atmen bleiben und den Zeitraum der Einspitzigkeit nach und nach verlängern konnte.
Und das tat er mit großer Freude und mit großem Gewinn.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Gabriel (Sonntag, 05 August 2018 14:45)

    Die Vorstellung von Linearität bringt uns in Schwierigkeiten.
    Wenn - Dann.
    Wenn ich dies und das mache, dann werde ich dies und das erreichen. Dabei verlieren wir unsere Anwesenheit, unsere Teilnahme, gehen nicht in Beziehung, sind nicht präsent. Wir fassen willkürlich Abläufe zusammen und benennen sie. Durch diese Vorstellungen trennen wir uns von der Gegenwart, der Wirklichkeit, vom Leben, von Gott.