Aus der Bubel 13

Die Zahlung

 

Einmal am Freitagabend vor der Sabbatweihe hatte der Rabbi sich in seine Stube zurückgezogen und die Tür verschlossen. Plötzlich öffnete sie sich wieder, und er trat heraus. Das Haus war voll von seinen großen Schülern, lauter Zaddikim in weißen Atlasoberkleidern, wie es damals unter den großen Zaddikim der Brauch war. Der Rabbi sprach die Versammelten an: "Es steht geschrieben: 'Und er zahlt seinen Hassern jedem ins Angesicht, ihn zu tilgen', und die Deutung ist: Er zahlt seinen Hassern mit guten Dingen in dieser Welt, sie zu tilgen aus der kommenden Welt. So frage ich euch: Gesetzt, der Frevler ist süchtig nach dem Mammon, wohl denn, Mammon in Fülle wird ihm gegeben, und gesetzt, der Frevler ist süchtig nach Ehrung, wohl denn, Ehrung in Fülle wird ihm gegeben - wie nun aber, wenn der Frevler nicht auf Ehre noch auf Gold aus ist, aber auf geistige Stufen ist er aus, oder er ist darauf aus, ein Rabbi zu sein, was dann? Nun wohl, wer auf geistige Stufen aus ist, dem gibt man geistige Stufen, und wer darauf aus ist, ein Rabbi zu sein, dem gibt man das Rabbitum, ihn zu tilgen aus der kommenden Welt."

 

(Bubel S. 468)

Kommentar schreiben

Kommentare: 7
  • #1

    Ruth Finder (Dienstag, 31 Juli 2018 13:11)

    "Einmal drängten die Leute an einem Chanukkaabend, um zu sehen, wie der Rabbi von Kobrun die Lichter entzünden würde. Da sprach er. "Es steht geschrieben: 'Das Volk sah, sie bewegten sich, standen von fern.' Wenn man sich heran drängt, steht man fern."
    (nach Martin Buber)

    Ich meine, man könnte denken, dass "die kommende Welt" allein anstrebeswert ist. Aber es gibt allerletzte Steigerung.

    "Einmal unterbrach Rabbi Schneur Salman von Ladi das Gebet und sprach: "Ich will nicht dein Paradies, ich will nicht deine kommende Welt, ich will nur dich allein."
    (nach Martin Buber)

  • #2

    Clemens (Dienstag, 31 Juli 2018 14:14)

    Worin besteht der "Frevel"?

  • #3

    Ruth Gabriel (Dienstag, 31 Juli 2018 21:29)

    Im "ICH WILL".

  • #4

    Simon (Dienstag, 31 Juli 2018 22:11)

    Hier wird wohl Form und Inhalt verwechselt.

    Ob es um geistige Stufen geht oder um Positionen, letztendlich sind dies Vorstellungen bzw. Konzepte. Konzepte lösen sich aber auf, wenn sie erfahren werden.
    Und Erfahrungen werden wieder zu Konzepten, wenn man sie erklären oder zugänglich machen möchte. Hängt man zu sehr an Konzepten/Vorstellungen, steht sie ziemlich häufig der Erfahrung im Weg.
    Die AP versteht sich bestens mit Konzepten, da sie ja selber auch ein Konzept ist.
    Eine tiefe Erfahrung ist eher dem Mystischen angelehnt als dem Konzeptionellen.
    Richtungsweisend ist hier vielleicht der Spruch „triffst du Buddha, töte ihn“

    Die Verwechselung zwischen Erfahrung und Konzepten bzw. Form und Inhalt, könnte man wohl auch spirituellen Materialismus nennen.

    Ein Rabbi, der diese Erfahrung gemacht hat, müsste wohl kein Rabbi sein, während der andere ein Rabbi sein muss, um ein Rabbi zu sein. ^^

    Die kommende Welt wird in jedem Fall eine Erfahrung sein und kein Konzept. Weil wir diese Erfahrung aber noch nicht gemacht haben ist sie aus der jetzigen Position immer eine Vorstellung, ein Konzept, eine Projektion oder anders gesagt, sie ist unlebendig.
    Die kommende Welt ist "Jetzt"!

    Schneur hat das schnell spitz gekriegt. Er möchte Gott “Sein“ aber nicht haben, das "haben" wird genommen, das "Sein" kann nicht genommen werden.

  • #5

    Ruth Finder (Dienstag, 31 Juli 2018 23:19)


    "Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." ( Matthäus 6.24)

    Wobei ich unter "Mammon" - auf die bubersche Geschichte übertragen - auch all das Bestreben meine, das der Rabbi von Lublin genannt hat.

    Der "Frevel" besteht darin, dass man all die Dinge zu seiner lebenswichtigsten, ja lebensbestimmenden Maxime gemacht hat, dabei begrenzt ein Frevler sich selber in seiner Sucht. Letztendlich folgt er nur seinem Willen (da bin ich bei R.G).

    Dazu nach M.Buber:
    Rabbi Chanoch von Alexander sagte einmal. "...Auch den Willen selber hat Gott erschaffen. Es ist nur not, dass der Mensch den (Gottes - Anm. R.F.) Willen wolle."

  • #6

    Ruth Finder (Mittwoch, 01 August 2018 09:31)

    "Ein Rabbi, der diese Erfahrung gemacht hat, müsste wohl kein Rabbi sein, während der andere ein Rabbi sein muss, um ein Rabbi zu sein." (Simon)

    Finde ich gut.


  • #7

    Clemens (Mittwoch, 01 August 2018 10:47)

    Ich finde, dass die Geschichte auch auf ein anderes, häufiger thematisiertes Problem anwendbar ist - den Verkauf spiritueller Dienstleistungen. Denken wir an das berühmte Wochenendseminar, bei dem der "Ausgleich" Summe X kostet...

    Nichts gegen - auch häufig gesagt - den Vollzeitlehrenden, der ja (bescheiden!) von irgendetwas leben muss, aber tendenziell wird dabei Spiritualität ins Weltliche hinabgezogen Und zwar außer beim o.g. Vollzeitlehrenden in der Regel heftig und kräftig. Spiritualität wird Religion. Ein Abbild, das auch schon hier seinen Preis empfängt und (mindestens) den Lehrenden um den Lohn in der kommenden Welt bringt - wobei auch dieser natürlich nicht die eigentliche, innere Handlungsmotivation sein sollte. Der AP kann man aber manchmal Mitspielen mit DER Argumentation ganz gut VERKAUFEN! ^^

    Da muss man aber schon recht gut im Nicht-Verwechseln sein.