Manchmal (von R. F. zum "Bart")

Manchmal erzählte Rabbi Jakov ben Katz Geschichten, da schüttelte man nur mit dem Kopf: Was soll das Ganze; was ist denn damit gemeint! Aber der Rebbe saß einfach geduldig da und wartete mit zur Seite geneigtem Kopf und einem versteckten Lächeln im Bart, ob jemand aus seiner Schülerschaft den Faden aufnehme.

So auch diesmal. Der Rabbi:

"Ein Jehudi der alten Tage hatte zwei Frauen, eine junge und eine alte. Wenn er bei der Jungen lag und schlief, dann zupfte sie ihm immer die weißen Haare aus dem Bart. Lag er bei der Alten und schlief, dann zupfte die ihm jeweils die schwarzen Haare aus dem Bart. Zuletzt war der Mann ganz kahl im Gesicht."

Stirnen wurden gerunzelt, Seufzer und Ratlosigkeit, gegenseitiges fragendes Ankucken. Manch einer rollte heimlich mit den Augen.

Der Rabbi wartete.

Nach einer Weile bemerkte der Rabbi, dass einer mit erhelltem Blick zu ihm aufsah.

Jakov ben Katz nickte dem Schüler zu.

Das war die Antwort: "Wenn jeder auf seinem Willen und seinem Dünkel", der Schüler sprach mit einer besonderen Betonung weiter, "beha-a-rrt, dann gehen am Ende alle leer aus."

"Der Anfang ist gemacht", sagte der Rabbi und schaute freundlich in die Runde.

(Ruth Finder)

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Kommentare: 4
  • #1

    Jonas (Freitag, 27 Juli 2018 11:43)

    Hallo Ruth - ich hab mir den Schüler mit der Aussprache des "behaaart" phonetisch lebhaft vorgestellt und musste so herzhaft lachen - vielen Dank!
    Die Geschichte eröffnet ganz neue Sichtweisen, auch erschließt sich mir nun, wie Glatzen entstehen können^^. Polygamie hat offenbar auch Nachteile...

  • #2

    Ruth Gabriel (Freitag, 27 Juli 2018 15:42)

    "Der Anfang ist gemacht", sagte der Rabbi und schaute freundlich in die Runde.

    Es war mucksmäuschenstill im Raum und eine Atmosphäre des angestrengten Nachdenkens senkte sich über die Schar.
    „Nun, Schneur?“ wandte er sich dem kleinsten seiner Schüler zu. Der Rebbe hatte sehr wohl dessen unruhiges hin und her Gerutsche auf dem Schemel bemerkt, von dem er genau wusste, dass es immer ein Anzeichen dafür war, dass Schneur auch in sich etwas bewegte.
    „Ich weiß nicht so recht, Rebbe. Aber mir scheint der Mann doch recht weise und geschickt in der Anwendung der Mittel zu sein.
    Dadurch, dass er nach und nach alle Barthaare opfert, die seine Frauen stören, gibt es nun weder für die Alte noch für die Junge einen Anlass, sich unwohl zu fühlen und es herrscht große ZuFRIEDENheit bei allen.“
    Der Rabbi schmunzelte und strich dem kleinen Schneur über den hochroten Kopf.

  • #3

    Diana (Samstag, 28 Juli 2018 22:14)

    Eine sehr interessante Geschichte!
    Leider sind meine Ideen nicht so fein in eine Rabbi-Geschichte verpackt wie bei Euch.

    Der schlafende alte Mann steht für das ungetrennte Höhere Selbst und die Alltagspersönlichkeit. Am Anfang des Weges und noch lange Zeit danach wird das HS von uns nicht, später höchstens als unerklärliche Stimme, eine Art Gewissen, Ruf, in uns wahrgenommen. Das bemerken wir lange nicht bewusst oder können es nicht richtig einordnen. Deswegen steht der alte Mann für uns als Mensch, der in die Welten der Trennung absteigt, um sich selbst bewusst zu werden. Und so ist ihm lange nicht klar, wer er wirklich ist, was Vehikel und was Fahrer ist. Er hat sein wahres Selbst noch nicht erkannt und kann deshalb AP und HS auch nicht als zwei getrennte Instanzen/ Ebenen wahrnehmen.

    Der Mann ist alt. Das zeigt an, dass er auf seinem Weg zur Bewusstwerdung schon viele Inkarnationen durchlaufen hat, nun ein Erwachender und werdender Weg-Arbeiter ist.

    Die beiden Frauen stehen für zwei Mittel, die auf dem Weg zur Befreiung und Bewusstwerdung hilfreich sind.

    Die junge Frau symbolisiert den Anfängergeist. Sie nimmt dem alten Mann die lange gehegten, falschen Vorstellungen, Erwartungen, Ansichten, Wünsche etc. - symbolisiert durch die grauen Haare. Damit er immer frisch aussieht, die Dinge mit frischen Geist betrachtet, nicht an seinen Erfahrungen (graue Haare, Habitus) anhaftet. So wie „Alt und grau werden“ im schlechtesten Fall Erstarrung, Aushärtung und als Konsequenz Zerfall bringt.

    Die alte Frau steht für die zunehmende Erfahrung, auf die er aufbauen kann auf seinem Befreiungsweg. Sie hilft dem Mann, im Tun, Fühlen, Denken und Handeln etc. auf seine schon gemachten Erfahrungen zurückzugreifen, sich zu erinnern. Um nicht immer wieder den gleichen Fehler zu machen. Dafür nimmt ihm die alte Frau die schwarzen, frisch nachwachsenden und belässt ihm die grauen Haare, seine Erfahrungen.

    Das Ausreißen der Barthaare steht für Loslassen auf dem Weg, für die Weg-Arbeit. Der Weg zur Befreiung ist zwar von zunehmender Freude und Leichtigkeit getragen, doch auch mit Mühen und Schmerzen verbunden. So wie man die Arbeit an unheilsamen Elementalen und Charakterzügen phasenweise als einen schmerzhaften Prozess, „sich ins eigene Fleisch schneiden“, erlebt.

    Die beiden Frauen können auch als Symbol für die Welt der Dualität betrachtet werden: Jung und Alt, schwarz und weiß, sich entscheiden müssen widerstreitenden Dingen und Wünschen, Ambivalenzen. In dieser dualen Welt müssen wir den Weg zur Bewusstwerdung gehen. Wir müssen uns in der Welt der Dualität transformieren und die Erfahrung der Dualität transzendieren, um wirklich frei zu werden.

    Und deshalb sind beide Frauen auch gleichzeitig am Werk: Anfängergeist und Erfahrung. Die beiden Frauen kommen miteinander klar, sie vertragen sich. Die beiden Mittel sind wie zwei Beine, mit denen wir laufen lernen/ können.

    Dass alle Barthaare weg sind, verweist auf die Notwendigkeit, dass wir auch unsere Vorstellung, wie Befreiung oder Erleuchtung aussieht, überwinden müssen. Man geht einen Weg, wird immer wacher und klarer und trotzdem nimmt man immer wieder neue Vorstellungen mit. Wahre Befreiung bedeutet zu erkennen, wie weitreichend das auf dem Weg ist, es immer wieder zu erkennen und zu transzendieren.

    Der Mann lebt in der Welt der Materie, der Dualität. Wenn er schläft, bemerkt er nicht, wie er die Haare verliert. Man muss wach sein, um seine Entwicklung zu bemerken. Und sie als Weg-Arbeiter wach voranzutreiben. Und Befreiung ist ein Prozess des Ablegens, Weniger-Werdens. Alte Haare, alter Zopf ab, hier Barthaare. Der alte Mann wird immer wieder wach, er ist ein Erwachender, der noch phasenweise einschläft.

    Was bedeutet die Bartlosigkeit? Dann zeigt er sich unverhüllt (bartlos), sein „nacktes Antlitz“, bar jeder Trennung von seinem göttlichen Sein. Er legt nichts mehr zwischen sich und andere. Er hat sich erkannt, er erkennt andere, sie ihn. Er hat den Weg der Befreiung geschafft und kann Gott unverhüllt entgegentreten, von Angesicht zu Angesicht.

  • #4

    Diana (Sonntag, 29 Juli 2018 11:04)

    Die Bartlosigkeit könnte man auch noch als ein Zeichen der Überwindung der Dualität der Geschlechter, der Trennung in Mann und Frau, betrachten.

    Der Bart als sekundäres Geschlechtsmerkmal fällt weg. Der Mann hört auf, im äußeren Ausdruck nur ein Mann sein zu müssen. Er hat seine weiblichen, im dienenden Merkmale integriert, vereint. Beide Seiten finden ohne Widerstreit, harmonisch ihren natürlichen Ausdruck. Die Trennung der Geschlechter wurde transzendiert. Adam und Eva werden zum göttlichen selbstbewussten Menschen, der sich erkannt hat.