Beschämung

Bei Lukas 14,8-11 heißt es:

 

Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

 

Diese Art von Beschämung ist eine Beschämung der AP - oder des sich noch zumindest in Teilen mit ihr identifizierenden HS. Frei gegen sich selbst geworden (entweder in diesen Punkten, oder aber gänzlich) würde es für die betreffende Person kein Problem geben. Sie würde sich hinsetzten, wo sie sich hinsetzten wollen würde. Vielleicht nah beim Meister? Vielleicht weiter hinten, um andere vorzulassen und Prozesse beobachten zu können? Und falls sie gebeten würde, weiter vorn oder hinten Platz zu nehmen, so würde sie beides mit gleicher Bereitwilligkeit tun. Lächelnd und ganz im Einklang mit dem gegenwärtigen Geschehen.

 

Und da sie sich selbst gegenüber frei wäre, würde sie auch die Eigenmotivation hintanstellen, wenn sie aus der Geschicktheit der Mittel heraus für jemand anderen agieren müsste (also etwa einen Platz vorn für jemanden freihalten indem sie sich hinten hinsetzt). Bzw. sie würde diese Notwendigkeit zur Eigenmotivation machen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Diana (Montag, 09 Juli 2018 20:40)

    Es ist ein langer Weg zu wirklicher Freiheit – von sich selbst. Deswegen: Kenne deinen Platz und Entwicklungsstand. Und wenn du ihn nicht genau einschätzen kannst - was vermutlich häufig und bei der Weg-Arbeit lange der Fall sein wird -, stelle dein Licht lieber etwas unter den Scheffel.

    Scham wird im Gegensatz zum Schuldgefühl im Erleben der Person (AP) generalisiert und umfassender erlebt. Folgendes Zitat macht neben der positiven Funktion von Scham (Lernen) den Unterschied zwischen Scham und Schuld in psychologischer Hinsicht sehr gut deutlich:
    „Scham hat in der Entwicklung eines Menschen zunächst eine positive Funktion für die Regulation des Selbst- und Selbstwerterlebens. Schamgefühle können zu einer innovativen Verunsicherung führen: Ich bin nicht, was ich zu sein glaubte und die Realität ist nicht wie ich dachte. Damit schafft Scham Anreize zur Modifizierung vom Selbst und trägt zur Entwicklung von Identität, Kompetenz und Eigenständigkeit bei. Darüber hinaus schützen Schamgefühle die Intimitäts- und Selbstgrenzen und wirken durch eine Sensibilisierung für die Empfindungen der Anderen auch als wesentliche Kraft sozialer Anpassung.
    Scham ist immer auf den Anderen hin ausgerichtet und ist somit ein Affekt mit einer ausgeprägten sozialen Komponente. Während bei der Schuld mehr die Vorstellung einer Bestrafung mit entsprechenden Beschädigungsängsten im Vordergrund steht, ist es bei der Scham eher die Furcht vor Zurückweisung, Verlassen werden und existenz-bedrohender Einsamkeit. Während Schuld den Vorwurf beinhaltet, falsch gehandelt zu haben, kann Scham die ganze Existenz infrage stellen, als vernichtend erlebt werden, sie hat körpernahen Charakter. Körperliche Reaktionen wie Erröten oder Schwitzen unterstreichen dieses noch zusätzlich, sind für jeden erkennbar und wirken dadurch schamverstärkend.„

    Solange wir noch nicht frei von Scham und Beschämt-werden-können sind, ist der Auszug von Lukas als Hinweis zu verstehen, wie wir dieses Leid vermeiden können. Lernerfahrungen sind oft schmerzhaft, manchmal müssen sie es sein, manches kann man sich aber auch ersparen. Viele Dinge können dazu führen, dass wir einen falschen Platz einnehmen: Unachtsamkeit, Unaufmerksamkeit, Stolz, Verkennen der Realitäten.

    Meines Erachtens wird – neben dem Ziel, frei von solchen Gefühlen und Erleben zu werden -, hier ein Hinweis auf eine wichtige spirituelle, zu entwickelnde Tugend gegeben: Demut.

    Der Ausdruck Demut kommt von althochdeutsch „diomuoti“, das bedeutet „dienstwillig‚ Gesinnung eines Dienenden“. Es setzt sich zusammen aus „dio“ (dienen) und „muot“ (Mut, Gemüt).

    „Die tiefere Bedeutung des Dienens kommt im litauischen Verb „teketi“ (laufen, fließen, rinnen) und im altindischen „takti“ (eilt) zum Ausdruck. Teketi und takti gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel wie dienen zurück.

    Rinnen und fließen: Das sind Seinsarten des Wassers. Wasser beharrt nicht auf einer bestimmten Form. Ohne zu zögern fließt es in die Form, die seinem Dasein jeweils zukommt. Das Jeweils bezeichnet dabei stets die absolute Gegenwart. Wasser nimmt keine Form ein, um damit eigenwillig Zukunft zu bestimmen. Es gibt sich der jeweiligen Gegenwart hin, in der sich alle momentanen Gegebenheiten der Wirklichkeit zu einem umfassenden Prozess vereinen; und es erfüllt die Rolle, die es darin hat.

    Im Begriff Mut erkennt man die indogermanische Wurzel mo (nach etwas trachten, etwas anstreben, wollen).“

    „Zur Demut kommt es nur durch Erkenntnis; nie durch Gehorsam.“

    Zur Abgrenzung zu Fehlvorstellungen von Demut schreibt Francisco de Osuna:
    „Manche verstehen unter Demut eine Enge des Herzens und die platte und kleinmütige Veranlagung eines Menschen, den nur Unwesentliches interessiert. Andere denken, Demut sei kränkliches Aussehen und Niedrigkeit, die sich in Haltung, Kleidung und Benehmen manifestiert. Manche verwechseln die Demut mit Feigheit und Furcht, von denen einige beherrscht sind, so daß sie sich nicht an große Dinge wagen. Schließlich meinen einige, es sei demütig, über keine Fähigkeiten zu verfügen oder die vorhandenen nicht zu nutzen, sondern zu verbergen. Alle diese Auffassungen sind falsch und haben nichts mit der Demut zu tun.“

    Fazit: Demut immer zeigt ihre wahre Größe, also können wir uns auch ganz nach hinten setzen!

  • #2

    Ruth Finder (Dienstag, 10 Juli 2018)

    In Clemens Analyse - um zu einem runderen Bild zu kommen - sollte es meiner Meinung nach heißen: "Diese Art von Beschämung und Stolz (Selbstgefühl)..."
    Denn nichts anderes impliziert die zweite Aussage "...damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen."

    Frei gegen sich selber zu sein - ein unbedingtes Ziel und ein weiter Weg! Den hat auch der Protagonist aus einer herrlichen Geschichte nach M. Buber noch vor sich.

    Selbstgefühl

    Rabbi Chanoch von Alexander erzählte: "Im Hause meines Lehrers, des Rabbi Bunam, war es der Brauch, dass am Vorabend des Versöhnungstags alle Chassidim zu ihm kamen und sich ihm in Erinnerung brachten. Einmal, nachdem ich die Abrechnung der Seele vollzogen hatte, schämte ich mich, mich vor ihm sehen zu lassen. Dann beschloss ich aber, mitten unter den anderen zu kommen, mich ihm in Erinnerung zu bringen und sogleich eilends von dannen zu gehen. Das tat ich auch. Sowie er mich aber zurücktreten sah, rief er mich zu sich heran. Alsbald schmeichelte es meinem Herzen, dass der Rabbi mich anschauen wollte. In demselben Augenblick jedoch, als es meinem Herzen schmeichelte, sagte er zu mir. "Es ist nicht mehr nötig."