Jonas an Kreis

Meine lieben Freunde,


gerne möchte ich die beiden Fragen beantworten, die Clemens an mich im letzten Satz von „Klostermauern“ gestellt hat, und Euch von meiner kontemplativen Exerzitienwoche in Bad Schönau erzählen, auch deshalb, weil dieser Weg unter bestimmten Voraussetzungen auch für Euch geeignet sein könnte. Vorweg gesagt – ja, es hat viel bei mir bewirkt und ich selbst habe auch versucht, die Rahmenbedingungen gut zu nutzen.


Wie haben letztere nun konkret ausgesehen? Nun, meine Klausur dauerte genau eine Woche von Sonntag bis Sonntag, die Teilnehmeranzahl war auf vier Personen beschränkt und wir waren im alten Pfarrhof, einem kleinen, teils mittelalterlichen Gebäude, untergebracht. 


Betreut wurden wir von Ordensschwester Gabriele von den Barmherzigen Schwestern, die alle organisatorischen Aufgaben übernahm. Die spirituelle Begleitung oblag Pater Anton Altnöder SJ, ein enger Vertrauter und Wegbegleiter von Franz Jalics aus dem Stammhaus in Gries in Bayern. Anton war übrigens auch für das leibliche Wohl zuständig und hat für alle gekocht. Es war also ein kleiner, recht familiärer Rahmen, alle waren per „Du“, auch mit den Ordensleuten.  


Die ganze Woche wurde im Schweigen verbracht, nur die notwendigsten organisatorischen Dinge wurden mit Sr. Gabriele besprochen. Sämtliche „normale“ Alltagsaktivitäten, wie etwa Telefonieren, Lesen, Tagebuch schreiben, Stricken etc. waren untersagt, man konnte also nichts im Sinne einer ablenkenden Beschäftigung tun. Nur körperliche Betätigung, wie Spazierengehen, Laufen, Gymnastik war gestattet bzw. erwünscht.


Ein wenig ablenkend wirkte lediglich die Gartenarbeit, das Reinigen der Sanitäreinrichtungen oder der Küchendienst, zu dem man eingeteilt wurde. Die Zimmer waren einfach und schlicht ausgestattet, das Essen war ebenfalls einfach und größtenteils vegetarisch, wobei vor allem eigenes Gartengemüse zubereitet wurde. Der Tee wurde aus frischen Gartenkräutern hergestellt.
Der typische Tagesablauf sah folgendermaßen aus: Gleich nach dem Aufstehen eine Stunde Qi-Gong, Frühstück, 4 gemeinsame Meditationseinheiten zu je einer halben Stunde, Mittagessen, weitere 4 Meditationseinheiten, Abendessen und als Tagesabschluss eine gemeinsame Messfeier, wo anstatt der Predigt Anweisungen zur Meditation gegeben wurden. Eigenständige, zusätzliche Meditationen waren ausdrücklich erwünscht. Zwischen den Einheiten konnte man Spazierengehen, seinen Verpflichtungen im Garten oder im Haus nachkommen oder auch schlafen, wenn Müdigkeit aufkam. Einmal pro Tag bestand die Möglichkeit, mit Pater Anton ein persönliches Gespräch zu führen. Individuelle Probleme oder Fragen konnten hier gemeinsam erörtert werden.


Die Meditationen selbst waren nach dem System von Franz Jalics aufgebaut. Es begann am ersten Tag mit einfachen Wahrnehmungsübungen über die fünf Sinne im Rahmen von Spaziergängen, wobei die Eindrücke gedanklich nicht bewertet werden sollten. Zweck war es, das diskursive Denken zurückzudrängen, um dadurch mehr in den gegenwärtigen Moment zu kommen.


Die nächsten Übungen hatten dann schon Meditationscharakter im klassischeren Sinn, Aufgabe war es, den Atem von der Nasenspitze bis in die Lunge/Unterbauch zu verfolgen, möglichst ohne in diskursives Denken zu verfallen oder einzuschlafen.


Danach folgte ein Wechsel hin zum Jesusgebet, beginnend mit einem einfachen „Ja“, das gedanklich in die Mitte der beiden Handflächen gesprochen wurde. Am nächsten Tag wurde das „Ja“ durch „Maria“ ersetzt, dann durch „Jesus“. Die letzten beiden Tage wurde dann beim Ausatmen das Wort „Jesus“ in die Hände, beim Einatmen das Wort „Christus“ ins Herzzentrum gesprochen. Wichtig dabei war es, nur den Klang/die Vibrationen des Wortes in den jeweiligen Energiezentren zu spüren und keinerlei Gedanken über Jesus selbst zuzulassen. Auch bildliche Vorstellungen sollten hintangehalten werden.


Mir bereitete die lang andauernde Konzentration auf die Handflächen und auf das Herzzentrum doch teils erhebliche Schwierigkeiten, da mir durch die Energieansammlung im Körper doch ganz ordentlich heiß wurde, obwohl die Raumtemperatur so um die 19° betrug. Langsames Gehen und bewusste Konzentration auf die Füße brachten mir zwischen den Meditationen die erforderliche Erdung und Abkühlung. Der gerötete Kopf blieb mir aber über die ganze Woche hinweg erhalten.
Durch diese vorkontemplativen Übungen sollte der Weg hin zu echter Kontemplation, also das Eintauchen in die göttliche Gegenwart, das unmittelbare Spüren und Erleben Gottes geebnet werden. Ein Indiz dafür, dass man sich dem annähert, ist das Verlieren des Zeitgefühls bei der Meditation, man ist überrascht, dass diese schon wieder zu Ende ist. Weitere Anzeichen sind ein massiver Liebesstrom, den man in sich spüren kann, gepaart mit Glücksgefühlen und eine anhaltende Freude daran, einfach nur zu sein.


Die Auswirkungen der Exerzitien auf die Teilnehmer zeigten sich in völlig unterschiedlicher, individueller Weise, ich möchte mich hier auf meine Erlebnisse beschränken. Ein Grundelement der Woche ist es, dass man die ganze Zeit mit sich selbst/seiner AP konfrontiert ist, was durchaus herausfordernd sein kann. Es ist eigentlich eine Nagelprobe, wie gut man sich selbst mit all seinen guten und weniger guten Eigenschaften annehmen und lieben kann. Diesbezügliche blinde Flecken kommen schonungslos zum Vorschein.


Die AP reagiert grundsätzlich sehr kratzbürstig auf den Entzug von Ablenkungen unterschiedlichster Art, wie er in der Klausur gegeben war. Neben aufkommenden Gefühlen von Langeweile kann das bis hin zur Rebellion gehen, es tauchen Fragen auf, wie etwa „Was soll denn das Ganze, warum tue ich mir das an, alles nur Blödsinn, zu Hause könnte ich die Zeit viel besser nutzen etc.“.


Wenn man gelernt hat, sich von seiner AP zu distanzieren, hat man hier eine wunderbare Möglichkeit, das auch unter verschärften Bedingungen auszutesten. Die Stunde(n) der Wahrheit, sozusagen, man sieht dann, wie sattelfest man seiner AP gegenüber schon ist und wie gut und dauerhaft man eine Position außerhalb beziehen und aufrechterhalten kann. Wenn es nicht zu heftig ist, kann das mitunter auch ganz lustig und amüsant sein, was da alles so gedanklich und gefühlsmäßig hochkommt. Man ist durch die Rahmenbedingungen sehr wach und aufmerksam sich selbst gegenüber, was die Einnahme einer Beobachterposition erleichtert.


Der zweite Effekt, der durch die langen Meditationen bewirkt wird, bezieht sich auf alte, verdrängte Elementale, bei mir vor allem aus meiner Kindheit, die tief im Inneren schlummern und die sich während der Meditationen oder auch außerhalb davon spontan zeigen. Da kommen ganz unvermittelt beispielsweise Gefühle der Angst, Trauer, Wut, Zorn, Verzweiflung hoch, oft ohne konkreten Anlass. Hier ist es wichtig, die aufkommenden Gefühle liebevoll anzunehmen, ganz hineinzugehen, sich darin zu ergeben und einfach den Höchsten zu bitten, es zu übernehmen und aufzulösen. Man sollte dabei auf keinen Fall in diskursives Denken verfallen sondern das Gefühl Gott übergeben und solange darin verweilen, bis es von alleine langsam abklingt.


Das kann mitunter auch recht heftig ausfallen. Dieses Hervorkommen, Betrachten und Auflösen von unbewussten/unterbewussten Elementalen vollzieht sich in unterschiedlicher Intensität eigentlich über die gesamte Zeit, auch wenn man das oft nicht bewusst wahrnimmt. Das kann sich auch in körperlichen Verspannungen, Schmerzen und „Stichen“ in Körperteilen äußern, die aber im Zuge der Meditation meist wieder verschwinden. Es vollzieht sich also im Idealfall ein andauernder karmischer Reinigungsprozess, eine Aufarbeitung von Unerlöstem, das tief im Inneren schlummert, einem Bereich, wo man im Alltag so gut wie keinen Zugang hat. Die Exerzitien sind in ihrer Struktur eigentlich darauf ausgelegt, diese tief im Inneren verschütteten Elementale zum Vorschein zu bringen und durch Gottes Wirken, durch seine Gnade aufzulösen. Man fühlt sich dadurch am Ende der Woche subjektiv um einige Kilo leichter, innerlich gereinigt, Freude und Dankbarkeit dem Höchsten gegenüber stellen sich ein.


Was mir in dieser Woche auch in den schwierigen Momenten sehr geholfen hat war die Zugehörigkeit, die Verbundenheit, die ich zu Euch ganz deutlich spüren konnte. Vielen, vielen Dank für Eure Unterstützung, sie hat mich getragen. Es ist ein wunderbares Gefühl, solch edle Freunde wie Euch haben zu dürfen.


Euer Jonas

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Kommentare: 1
  • #1

    Maria (Donnerstag, 05 Juli 2018 22:18)

    Lieber Jonas,
    vielen Dank für die ausführliche und offene Schilderung der Exerzitienwoche, die Du da vollbracht hast. Da sind einige gute Übungen enthalten, die man sicher auch in Eigenregie ausprobieren kann. Mich hat das angesprochen und ich werde davon etwas versuchen. Mutig, sich dem so intensiv zu stellen, das habe ich noch nicht geschafft. Hoffentlich kannst Du viel in den Alltag mitnehmen und immer wieder (innerlich) dahingehen. Ich teile Deine Freude, solche Weggefährten wie Dich und die anderen und präsente Lehrer zu haben.
    Maria