Sandweg

Diese Geschichte erzählte der Meister, da er zu Savatthi verweilte. In Bezug auf wen? Auf einen Mönch, der in seinem Streben nachgelassen hatte. Während nämlich der Vollendete zu Savatthi sich aufhielt, begab sich ein zu Savatthi wohnender Sohn aus gutem Hause nach dem Jetavana und hörte bei dem Meister die Verkündigung der Lehre; und beruhigten Herzens sah er die Sündlichkeit ein, die in den Lüsten liege, und wurde Mönch. Zum Zweck der Weihe blieb er fünf Jahre dort; als er dann zwei Hauptlehren erfasst und den Wandel in Einsicht gelernt hatte, ließ er sich von dem Meister eine seinem Denken angemessene Betrachtung geben und begab sich in einen Wald. Hier brachte er die Regenzeit zu. Als er aber schon drei Monate lang sich abmühte, vermochte er nicht einmal, zu einem Schimmer oder einer Andeutung davon zu gelangen. Da dachte er bei sich: „Der Meister hat die vier Menschenarten auseinandergesetzt; von diesen muss ich zur untersten gehören. Es gibt, glaube ich, für mich in dieser Existenz keinen Weg, noch eine Frucht. Was soll ich mich im Walde aufhalten? Ich will zum Meister gehen und dort beständig den mit höchster Schönheit begabten Buddhaleib anschauen und die süße Verkündigung der Lehre vernehmen.“ Und er begab sich wieder nach dem Jetavana. Da sprachen zu ihm seine Freunde und Vertrauten: „Lieber, du hast dir von dem Meister eine Betrachtung geben lassen und bist gegangen, um die Asketenpflichten auszuüben. Jetzt kommst du wieder, um dich an der Gesellschaft zu erfreuen; wie, hast du den Gipfel des Mönchtums erreicht und bist du ein nicht Zurückkehrender geworden?“ Der Mönch antwortete: „Lieber, ich habe keinen Weg, noch eine Frucht gefunden; und da ich dachte: ‘Ich muss ein unfähiger Mensch sein’, gab ich mein Streben auf und bin wieder hierher gekommen.“ Da sagten die anderen: „Etwas Unrechtes hast du getan, Lieber, da du, nachdem du in der Lehre des mit starker Kraft begabten Meisters Mönch geworden, in deinem Streben nachgelassen hast. Komm, wir wollen es dem Meister mitteilen.“ Und sie nahmen ihn mit sich und gingen zum Meister hin.

Als der Meister sie sah, sprach er: „Ihr Mönche, ihr kommt mit diesem Mönche gegen seinen Willen her; was hat er getan?“ Sie antworteten: „Herr, dieser Mönch hat, nachdem er in dieser zum Heile führenden Lehre Mönch geworden, während er die Asketenpflicht betätigte, in seinem Streben nachgelassen und ist wieder hierher gekommen.“ Darauf sprach der Meister zu ihm: „Ist es wahr, Mönch, dass du in deinem Streben nachgelassen hast?“ „Es ist wahr, Erhabener“, versetzte der Mönch. Buddha fuhr fort: „Wie aber, Mönch, nachdem du in dieser Lehre Mönch geworden, zeigst du dich nicht zufrieden oder beruhigt oder zurückgezogen oder mit reger Kraft begabt, sondern du zeigst dich als einen Mönch, der in seinem Streben nachgelassen hat? Warst du nicht in früheren Zeiten kraftbegabt? Durch dich allein, infolge der Betätigung deiner Kraft bekamen in der Sandwüste von fünfhundert Wagen die Menschen und Tiere zu trinken und wurden gesund; warum gibst du jetzt dein Streben auf?“ Durch diese Worte wurde der Mönch wieder ermutigt. Als aber die Mönche dies hörten, baten sie den Erhabenen: „Herr, dass dieser Mönch jetzt sein Streben aufgegeben, ist uns bekannt; dass aber durch seine Kraft allein in der Sandwüste von fünfhundert Wagen die Menschen und Tiere zu trinken bekamen und gesund wurden, ist uns verborgen. Dir aber, der du die Allwissenheit erfasst hast, ist dies bekannt; erzähle uns auch diese Begebenheit.“ „Hört also zu, ihr Mönche“, versetzte der Erhabene; und als er ihre Aufmerksamkeit wahrnahm, erzählte er ihnen die von einer früheren Existenz her verborgene Geschichte:

Als ehedem im Reiche Kasi zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Kaufmannsfamilie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, betrieb er mit fünfhundert Wagen Handel. Einmal kam er an eine sechzig Yojanas lange Sandwüste. In dieser Wüste blieb der feine Sand, wenn man ihn mit der Faust fasste, nicht auf der Hand; von Sonnenaufgang an war sie heiß wie ein Haufen glühender Kohlen und man konnte nicht darauf gehen. Wer deshalb dorthin kam, nahm auf den Wagen Holz, Wasser, Sesam- und Reiskörner mit und zog die Nacht hindurch; bei Sonnenaufgang aber stellte man die Wagen im Kreise auf, errichtete am Ende ein Zelt und legte sich, wenn das Mahl beendet war, in den Schatten. So brachte man den Tag zu; wenn dann die Sonne untergegangen war, spannte man, nachdem die Abendmahlzeit eingenommen war, die Wagen an und zog auf dem kühl gewordenen Boden weiter. Dies Reisen war dem Reisen auf dem Ozean ähnlich; ein Landlotse nämlich musste gewonnen werden und dieser brachte durch seine Kenntnis der Gestirne die Karawane hinüber.

Als nun der Kaufmann zu dieser Zeit auf diese Weise durch die Wüste zog und 59 Yojanas weit gekommen war, dachte er: „Jetzt werden wir in einer Nacht aus der Sandwüste hinauskommen“; und als er sein Abendmahl eingenommen hatte, ließ er Holz und Wasser wegwerfen, die Wagen anspannen und zog vorwärts. Der Führer, der sich auf dem vordersten Wagen ein bequemes Lager hatte zurecht machen lassen, betrachtete die Sterne und legte sich dann nieder, indem er sagte: „Geht in dieser Richtung.“ Da er aber infolge seiner langen Schlaflosigkeit müde war, schlief er ein; dabei merkte er nicht, dass die Ochsen umgekehrt waren und den frühern Weg wieder gingen. Die ganze Nacht gingen die Ochsen fort. Als nun der Führer zur Zeit des Sonnenaufgangs erwachte, betrachtete er die Gestirne und rief: „Haltet, haltet die Wagen an.“ Und als die Wagen anhielten und eine Reihe bildeten, ging gerade die Sonne auf. Da sagten die Leute: „Das ist ja der Ort, wo wir gestern unser Lager errichteten. Holz und Wasser ist uns ausgegangen; jetzt sind wir verloren.“ Und sie machten die Wagen los, stellten sie im Kreis auf, errichteten an der Spitze ein Zelt und legten sich wehklagend nieder, ein jeder unter seinen Wagen.

Nun dachte der Bodhisattva: „Wenn ich in meiner Kraft nachlasse, werden alle verloren sein“; und er streifte in der Frühe, da es noch kühl war, umher. Da sah er ein Gebüsch von Gras und Pflanzen und dachte: „Diese Pflanzen werden wohl infolge von Feuchtigkeit gewachsen sein“; und er ließ einen Spaten nehmen und an dem Orte nachgraben. Sechzig Hand tief gruben sie. Als sie so weit gegraben hatten, trafen sie auf einen Stein und der Spaten ging unten an dem Steine entzwei. Da gaben sie alle, als sie darauf geschlagen hatten, die Anstrengung auf. Der Bodhisattva aber dachte: „Unter diesem Steine muss Wasser sein“; und er stieg hinab, beugte sich auf dem Steine stehend hinunter, lauschte und gab acht, ob er ein Geräusch höre. Da vernahm er das Rauschen von Wasser, stieg hinauf und sprach zu seinem kleinen Diener: „Lieber, wenn du deine Anstrengung aufgibst, sind wir alle verloren; lasse aber in deiner Anstrengung nicht nach, sondern nimm diesen eisernen Hammer, steige hinab in die Grube und schlage auf diesen Stein.“ Jener nahm seine Aufforderung an; und während alle mit gebrochener Kraft dastanden, stieg er mit ungebrochener Kraft hinab und schlug auf den Stein. Der Stein spaltete sich in der Mitte, fiel nach unten und stand nun, während er früher den Strom zurückgehalten hatte. Ein Wasserstrahl sprang hervor so hoch wie ein Palmstamm. Alle tranken und wuschen sich. Dann zerhieben sie die überflüssigen Achsen und Joche, kochten Reisschleimspeise, verzehrten sie und fütterten die Ochsen. Als dann die Sonne untergegangen war, befestigten sie bei der Wassergrube ein Zeichen und gelangten an den Ort, wohin sie wollten.

Dort verkauften sie ihre Ware, nahmen den doppelten und vierfachen Wert ein und kehrten dann wieder nach ihrem Wohnorte zurück. Dort blieben sie, solange sie lebten, und kamen dann an den Ort ihrer Verdienste. Auch der Bodhisattva gelangte, nachdem er durch Almosen Geben u. dgl. sich gute Werke gesammelt hatte, an den Ort seiner Verdienste.

Als der völlig Erleuchtete diese Geschichte erzählt hatte, sprach er, der Erleuchtete, folgenden Vers:

„Da sie unermüdlich in dem Sandweg gruben,
fanden unten sie am Grunde endlich Wasser.
So der Weise, der voll Eifer unermüdlich
kräftig strebet, findet seines Herzens Ruhe.“

Als er so diese Predigt beendigt hatte, verkündete er die vier Wahrheiten. Am Ende der Unterweisung von den Wahrheiten aber gelangte der Mönch, der sein Streben aufgegeben hatte, zur höchsten Frucht, zur Heiligkeit.

Nachdem nun der Meister die beiden Begebenheiten erzählt hatte, legte er ihre Beziehung zu einander klar und verband das Jātaka mit den Worten: „Zu dieser Zeit war dieser Mönch, der sein Streben aufgegeben, der kleine Diener, der in seiner Anstrengung nicht nachließ, den Stein spaltete und viel Volks Wasser gab; die übrige Schar war die Buddhaschar; das Haupt der Kaufleute aber war ich.“ Damit beschloss er seine Erzählung.

 

(Die Erzählung vom Sandweg - Vannupatha-Jātaka - palikanon.com)

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Kommentare: 2
  • #1

    Clemens (Freitag, 08 Juni 2018 08:53)

    Das scheint ja recht langatmig für die auch kurz zu fassende Aussage des Textes, dass, wer mal schwächelt, zu anderen Zeiten stark gewesen sein mag und wieder stark sein kann. Zudem scheinen manche Wendungen des Textes auf den ersten Blick seltsam.

    Warum beispielsweise hat der Bodhisattva nicht selbst den Stein gespalten? Okay, er hat den Verdienst dem "kleinen Diener" überlassen. Aber hat der dann wirklich so aktiv 500 Wagen samt Tieren und Besatzung gerettet? Usw.

    Interessant ist dagegen folgender Abschnitt: "ließ er sich von dem Meister eine seinem Denken angemessene Betrachtung geben und begab sich in einen Wald. Hier brachte er die Regenzeit zu. Als er aber schon drei Monate lang sich abmühte, vermochte er nicht einmal, zu einem Schimmer oder einer Andeutung davon zu gelangen. Da dachte er bei sich: „Der Meister hat die vier Menschenarten auseinandergesetzt; von diesen muss ich zur untersten gehören. Es gibt, glaube ich, für mich in dieser Existenz keinen Weg, noch eine Frucht."

    Die Aussage vom Geben von dem Denken (einzelner) angemessener Betrachtungen muss ich nochmal angemessen betrachten. ^^

    Die vier Menschenarten drängen sich auf, wenn wir die vom 8.6. an eingestellten Gleichnisse sehen:

    Menschen, die in dieser Existenz keinen Weg, noch eine Frucht haben.
    Menschen, die in dieser Existenz einen Weg, aber keine Frucht haben.
    Menschen, die in dieser Existenz keinen Weg, aber eine Frucht haben.
    Menschen, die in dieser Existenz einen Weg, und eine Frucht haben.

    Das kann man schon mal durchdeuten!

  • #2

    Ruth Finder (Sonntag, 10 Juni 2018)

    Ich würde die "Wüstengeschichte" auch dahingehend deuten:

    Jeder Mensch hat in seinem Leben ein "Haupt der Kaufleute", sei es ein äußerer und/oder ein innerer Lehrer, der ihn mit Hilfe einer höheren Kraft ("Karawanenführer") durch das jeweilige Leben ("Wüste") führt und dessen Unterstützung ihm sicher ist („Wenn ich in meiner Kraft nachlasse, werden alle verloren sein.“).

    Die Gegebenheiten und Begleiter auf "der Reise" sind die Umstände und das Personenumfeld eines jeden Menschen auf seinem Wege. Sie alle dienen (deswegen "Buddhaschar") seiner Entwicklung und sind für ihn erforderlich. Der Mensch wird da hingestellt und mit jenen umgeben, wo und von wem er am besten lernen könnte. Das Ganze ist nicht zufällig und willkürlich.

    Jeder Einzelne wird auch NICHT über seine Kraft hinaus gefordert, also er könnte die Herausforderungen/"Aufforderungen" ("...nimm diesen eisernen Hammer, steige hinab in die Grube und schlage auf diesen Stein") meistern, wenn er denn diese ANNEHMEN würde!

    Das Resultat der schittweise gelingenden Anstrengung käme wiederum allem - der Wahrnehmung der Welt/der Umstände und den Mitmenschen - zugute ("Alle tranken und wuschen sich. Dann zerhieben sie die überflüssigen Achsen und Joche, kochten Reisschleimspeise, verzehrten sie und fütterten die Ochsen. Als dann die Sonne untergegangen war, befestigten sie bei der Wassergrube ein Zeichen und gelangten an den Ort, wohin sie wollten").

    Auch einzelne Sätze aus der Geschichte liefern interessante Deutungsansätze:

    "In dieser Wüste blieb der feine Sand, wenn man ihn mit der Faust fasste, nicht auf der Hand" - alles fließt, alles verändert sich, nichts bleibt bestehen.

    "Der Bodhisattva aber dachte: „Unter diesem Steine muss Wasser sein“; und er stieg hinab, beugte sich auf dem Steine stehend hinunter, lauschte und gab acht, ob er ein Geräusch höre. Da vernahm er das Rauschen von Wasser, stieg hinauf und sprach zu seinem kleinen Diener.." - beschreibt die Fähigkeit eines Lehrers, das Potential seines Schülers zu erkennen, ihn zu ermutigen, an ihn zu glauben.

    "Ein Wasserstrahl sprang hervor so hoch wie ein Palmstamm" - Durchbruchserlebnis; Befreihung.

    "Als dann die Sonne untergegangen war, befestigten sie bei der Wassergrube ein Zeichen und gelangten an den Ort, wohin sie wollten" - Am Ende des Lebens (untergangene Sonne) fügen wir das, was wir verwirklicht haben (ein befestigtes Zeichen), zu der Individuation unserer HS außerhalb der Welten der Trennung hinzu.