Deutungsangebot: Ringparabel

Ein Mann besitzt ein Familienerbstück, einen Ring, der die Eigenschaft hat, seinen Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, wenn der Besitzer ihn in dieser Zuversicht trägt. Dieser Ring wurde über viele Generationen vom Vater an den Sohn vererbt, den er am meisten liebte.

Eines Tages tritt der Fall ein, dass ein Vater drei Söhne hat und keinen von ihnen bevorzugen will. Deshalb lässt er sich exakte Kopien des Ringes herstellen und vererbt jedem seiner Söhne einen Ring.

 

Nach dem Tode des Vaters ziehen die Söhne vor Gericht, um klären zu lassen, welcher von den drei Ringen der echte sei. Der Richter aber ist außerstande, dies zu ermitteln. So erinnert er die drei Männer daran, dass der echte Ring die Eigenschaft habe, den Träger bei anderen Menschen beliebt zu machen. Wenn dieser Effekt bei keinem eingetreten sei, dann ist der echte Ring wohl verloren gegangen.

 

Der Richter gibt den Söhnen den Rat, jeder von ihnen solle daran glauben, dass sein Ring der echte sei. Ihr Vater habe alle drei gleich gern gehabt und es deshalb nicht ertragen können, einen von ihnen zu begünstigen und die beiden anderen zu kränken, so wie es die Tradition eigentlich erfordert hätte. Wenn einer der Ringe der echte sei, dann werde sich dies in der Zukunft an der ihm nachgesagten Wirkung zeigen. Demzufolge sollten sich alle Ringträger bemühen, dass dieser Effekt eintritt.

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Kommentare: 2
  • #1

    Phia (Montag, 04 Juni 2018 22:32)

    Eine mögliche Deutung wäre, dass die drei Ringe für Glaubensrichtungen stehen ( im Buch Nathan der Weise sollen sie die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam repräsentieren weil die Ringparabel die Antwort von Nathan auf die Frage nach der richtigen Religion vom muslimischen König Saladin ist, ich denke aber jeder Glaube als Arbeitshypothese kann gemeint sein).
    Der Vater hat alle drei Söhne gleich geliebt, alle drei Ringe sind demnach gleich echt oder unecht. So ist es, glaube ich, auch mit der spirituellen Entwicklung auf verschiedene Arten. Weder das ständige Zweifeln an der Echtheit unseres Glaubens bringt uns vor ran, noch werden wir durch den Glauben allein gut vor Gott und den Menschen.
    „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“ steht in der Bibel, so etwas in der Art ist hier vielleicht auch gemeint. Weil der Vater alle drei so sehr geliebt hat, hat er ihnen allen die Möglichkeit gegeben gut zu sein und somit drei echte Ringe an seine Söhne gegeben. Die Ringe sind/bleiben letztendlich so echt wie der Glaube und das Handeln der Söhne.
    Das, oder der Vater hat den echten Ring beim Poker verhökert und sich dann fix was ausgedacht :-D

  • #2

    Ruth Finder (Mittwoch, 06 Juni 2018 20:46)

    Ein ganz anderer Ansatz.

    Zitat: "..., so wie es die Tradition eigentlich erfordert hätte."

    Die Geschichte könnte uns veranschaulichen, dass man sich zu oft und zu lange in eingefahrenen, festgelegten Bahnen bewegt - auch im Glauben, ewas Gutes, Rechtes zu tun. Es geht um Konventionen: Es war schon immer so, es wird schon seine Richtigkeit haben. Es geht letzendlich um Linearität, um Vereinfachung, um Begrenzung. Und als mögliche Konsequenz um Bequemlichkeit, um Nicht-Hinterfragen, um Weiter-so. Im ungünstigsten Fall (und der tritt fast immer ein) um sklavischer Gehorsam und Unterordnung, um Beharren.

    Dann tritt etwas oder jemand im Leben von Vielen oder dem Einzelnen zu Tage, das/der auch andere Möglichkeiten des Denkens und des Handelns aufzeigt. Es gibt eine Wahl und es gibt die FREIHEIT des anderen Tuns! Nun können die wenigsten damit als Gruppe oder als Einzelne umgehen. Es fängt beinahe unweigerlich Gruppenstreit oder innerer Kampf an. (Die drei Söhne könnten somit bildlich für die Gruppen/Gesellschaften oder auch für einen einzelnen Menschen stehen). Man möchte das Alte bewaren. Das Neue ängstigt.

    Wir sollen lernen mit der Freiheit umzugehen, die nach anderem Denken, Fühlen und Handeln verlangt.