Das Gebot der Liebe

(Danke R.G. für die Gelegenheit)

Ein Schüler fragte den Rabbi Schmelke: "Es ist uns geboten: Liebe deinen Genossen dir gleich. Wie kann ich das erfüllen, wenn mein Genosse mir Böses tut?"

Der Rabbi antwortete: "Du musst das Wort recht verstehen: Liebe deinen Genossen als etwas, was du selbst bist. Denn alle Seelen sind eine; jede ist ja ein Funken aus der Urseele, und sie ist ganz in ihnen allen, wie deine Seele in allen Gliedern deines Leibes. Es mag sich einmal ereignen, dass deine Hand sich versieht und dich selber schlägt; wirst du da einen Stecken nehmen und deine Hand züchtigen, weil sie keine Einsicht hatte, und deinen Schmerz noch mehren? So ist es, wenn dein Genosse, der eine Seele mit dir ist, dir aus mangelnder Einsicht Böses erweist; vergiltst du ihm, tust du dir selber weh."

Der Schüler fragte weiter: "Wenn ich einen Menschen sehe, der vor Gott böse ist, wie kann ich den lieben?"

"Weißt du nicht", sagte Rabbi Schmelke, "dass die Urseele aus Gottes Wesen kam und jede Menschenseele ein Teil Gottes ist? Und wirst du dich seiner nicht erbarmen, wenn du siehst, wie einer seiner heiligen Funken sich verfangen hat und am ersticken ist?"

(Ruth Finder aus "Erzählungen der Chassidim" von M. Buber)

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Finder (Freitag, 01 Juni 2018 19:58)

    Als Rabbi Jakov ben Katz die Geschichte "Das Gebot der Liebe" zum ersten Mal hörte, fing er an, zu weinen, und griff dabei zu zwei Taschentüchern - je eins für jedes seiner Augen. Die Umstehenden fragten verwundert danach. Der Rabbi gab zur Antwort: "Meine Freude ist groß, dass das wahr ist! Mein Bedauern aber ist auch groß, dass es noch nicht wahr geworden ist!"