Die fünf Pilger

Der Schargoroder vermochte es, seine Wahrheiten anhand einfacher Geschichten aus dem Volk darzulegen. Als er einmal im Kreise der Freunde gefragt wurde, warum es selbst zwischen den Gruppen der Chassidim und sogar unter den Einzelnen innerhalb dieser Gruppen auch immer mal wieder zu Spannungen komme, begann der Rebbe von fünf Jehudim zu berichten, die sich vor langer Zeit auf eine Pilgerreise nach Jeruschalajim begeben hatten und auf ihrer Reise irgendwo in der Einöde schließlich fast nichts mehr zu essen mit sich führten.


"Als sie sich am Abend an einer geschützten Stelle niederließen und alle ihre Beutel beinahe leer fanden, hatte der erste noch ein wenig gesalzenes Trockenfleisch, der zweite verfügte nur über eine Handvoll würziger Kräuter, der dritte hatte etwas Gemüse, der vierte hatte noch eine Flasche Öl, und der letzte schließlich hatte lediglich ein Tuch, in das er seinen letzten Brotbrocken eingeschlagen hatte.


Der mit dem Brot überlegte und schlug vor, sie sollten, da sie über ausreichend Wasser verfügten, und dazu noch einer einen kleinen Kessel bei sich trug, Wasser über dem Lagerfeuer zum Kochen bringen und alle würden ihre restlichen Nahrungsmittel hineingeben, auf dass eine Suppe für alle entstehen würde. Dem stimmten die anderen vier begeistert zu.


Als nun das Wasser im Kessel fröhlich kochte, begab sich jeder zu ihm, um seinen Teil zur Suppe beizutragen, aber im entscheidenden Moment tat jeder nur so, als ob er seinen Beitrag in den Topf werfen würde, denn sie dachten alle bei sich, dass die Suppe auch ohne ihren schmalen Rest eine gute Suppe werden würde und dass sie so noch einen letzten Notvorrat für sich bewahren könnten. Dann setzten sich alle neben dem Feuer nieder, schauten in die Flammen und hörten dem köchelndem Wasser zu.


Nach einer Weile erhob sich einer der Reisenden, um mit einem Holzlöffel die Suppe umzurühren und um zu sehen, wie weit sie schon gar geworden sei. Dabei stellte er fest, dass sich nur sprudelndes Wasser im Kessel befand und auch die anderen konnten es erkennen, denn sie hatten sich hungrig erhoben und mit an das Feuer gesellt. Sofort begann ein Streit, bei dem jeder sogleich seinen Anteil an der Misere vergessen hatte und nur noch die Verfehlungen der Anderen sah. Das Schimpfen und die Vorwürfe gingen hin und her - und endeten damit, dass die Reisegesellschaft zerbrach und alle für sich, ohne den Schutz und den Zusammenhalt der Gruppe, den Rest der Reise auf sich nahmen."


Jakov ben Katz machte eine Pause, damit alle über die Geschichte nachdenken konnten. Er blickte um sich. Dann fuhr er fort: "Dieses kleine Drama können wir auf alle zwischenmenschlichen Beziehungen übertragen, auch auf die Gruppen der geistig Strebenden. Vielleicht mag es unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Vielleicht zeigt es sich auch nur in unterschiedlichen Gewändern, weniger materiell, mehr geistig. Das Problem aber ist euch wohl offensichtlich. Es ist immer eine Art Geiz. Eine mangelnde Fähigkeit und Bereitschaft, sich ganz einzubringen.


Auch unter den Chassidim kann das materieller Geiz sein, Zurückhalten körperlichen Einsatzes... Aber auch Geiz mit geistigen Fähigkeiten. Dabei sind es gerade diese, die uns am allerwenigsten gehören, die wir in den Dienst von allen stellen sollten, ohne dabei nach persönlichen Vorteilen zu suchen. Doch das ist schwer, und das Lernen ist immer wieder mit Leiden verbunden, die aus unserer Selbstisolation auf der Pilgerreise entstehen. Letztlich aber werden wir lernen, dass eine Suppe - auch eine vielleicht vorerst noch nicht im absoluten Sinne sehr reichhaltige - nicht ohne verschiedene Zutaten entstehen kann."

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Finder (Mittwoch, 30 Mai 2018 14:06)

    Die Geschichte hatte die Anwesenden nachdenklich gemacht, denn jeder fühlte sich angesprochen.

    Nach einer Weile sagte der Rabbi augenzwinkernd zu seinen Freunden: "Ja, in des Geistes Welt gelten umgekehrte Volksweisheiten: Da verderben die vielen Köche den Brei naja, die Suppe nicht und man würde sie gerne auslöffeln."

    Einer aus der Runde seufzte von der Geschichte mitgenommen laut: "Ach! Das Ganze ist so vielschichtig und verwirrend!"

    Ein anderer aber nahm des Rabbis wohlüberlegten Scherz auf und sagte: "Den Salat hätte ich gern!"