Wie ein Boot

Der Zaddik von Schargorod machte manchmal gerne eine Wanderung durch sein Städtchen und die Umgebung, wenn ihm seine vielen Verpflichtungen dazu Zeit ließen. Einmal folgte er so dabei der Muraschka, dem Fluss, der Schargorod durchfloss. Am Ufer auf einer Wiese sah er dabei einen seiner Schüler sitzen. Seinem Gesichtsausdruck nach rang der in seinem Inneren mit etwas, und als Jakov ben Katz ihn darauf ansprach, brach es aus ihm heraus: "Ach, Rebbe, ich tue mich schwer damit, das weltliche Leben und das spirituelle Leben in Einklang zu bringen. Meinem Eindruck nach geht das gar nicht. Könnte ich mich doch nur überwinden, mich ausschließlich dem Lernen, dem Lesen, dem geistigen Gespräch oder deinen Vorträgen zu widmen. Aber einerseits zwingen mich die Notwendigkeiten des Lebensunterhaltes in die Welt hinaus, und andererseits zieht es mich auch dorthin, ich weiß nicht recht warum, doch die Tatsache lässt sich nicht leugnen. Vergifte ich nicht meine Klarheit und Ausrichtung, indem ich mich teils gezwungenermaßen, teils freiwillig vom Thorastudium abwende?"


Jakov ben Katz nickte und überlegte einen Augenblick. Er blickte über die Muraschka hinweg und auf einige kleine Boote, die sich näher und ferner auf ihr bewegten. Dann wandte er sich seinem Schüler zu und sprach: "Die Christen haben Einrichtungen, die sie Klöster nennen, und auch andere Religionen sind bekannt, in denen es Ähnliches gibt. In diese Klöster können sich sehr entschlossene Gläubige ganz von der Welt zurückziehen. So jedenfalls nennen sie es. Wir Jehudim verfügen nicht über diese Möglichkeiten, da wir in den Ländern, in denen wir leben, nicht heimisch sind - und weil es auch nicht unsere Art ist.


Schau dir die Boote auf dem Flüsschen an. Wie mit ihnen, so ist es auch mit uns. Ein Boot gehört ins Wasser. Nur gelegentlich wird es an Land geholt, um es neu abzudichten und dann kommt es wieder in den Fluss. So gehören auch wir in die Welt - und gelegentlich ziehen wir uns aus ihr zurück, um uns im Thorastudium gegen die Auswüchse und Auswirkungen der Welt abzudichten.


Ein Boot gehört ins Wasser, aber Wasser gehört nicht ins Boot. So gehören auch wir in die Welt, aber nicht gehört die Welt in uns. Unsere Rückzüge aus der Welt sind rechtens und notwendig: So wie das Boot zum Abdichten aus dem Wasser genommen wird, so ziehen auch wir uns von Zeit zu Zeit aus der Welt zurück, aber stelle dir ein Boot vor, das für immer aus dem Wasser genommen würde. Es würde seinem Zweck gar nicht mehr gerecht werden. Es wäre eigentlich zu nichts mehr nütze. Es müsste nicht einmal mehr abgedichtet werden. Genauso wäre es mit uns: Auf Dauer nicht mehr in der Welt würden wir unseren Zweck verfehlen. Selbst das Studium der Thora wäre letztlich nutzlos und würde wahrscheinlich bald von uns eingestellt. Darum müssen wir sowohl weltlich, als auch spirituell leben.


Aber nochmals, die Welt sollte nicht in dich eindringen, und wenn, dann muss sie wieder herausgeschöpft werden und du musst an deiner Dichtigkeit arbeiten. Und zudem bedenke, das Boot ist nur ein Werkzeug. Es hat einen Besitzer, einen, der es abdichtet, und der es auf dem Wasser steuert - dorthin, wohin er will. Diesen Besitzer, dieses höhere Sein in dir erkenne und lasse es die Kontrolle übernehmen. Dann zieht dich bald auch nichts mehr zu zweifelhaften, nutzlosen Stellen des Flusses."


Der Schüler blickte seinen Zaddik wortlos an. Da hatte er erstmal etwas zum Nachdenken. Jakov ben Katz blieb nun auch stumm, blickte nochmals über die Muraschka, nickte seinem Schüler freundlich zu und entfernte sich dann langsam weiter das Flüsschen hinunter.

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