Die Worte des Rabbi - Siegfried Kawerau (1886-1936)

(...)
In all dies Bewegen, Widerstreben und Harren brachen die Worte des Rabbi mit dem Klange von tönenden Erzbecken, mit dem Klirren von Schwertschlag auf Eisen, mit dem Surren gefiederten Pfeiles, mit dem Weckruf der großen Posaune:
"Das Reich Gottes ist nahe.
In das Reich Gottes werden eingehen die Ungelehrten und Einfachen.
Im Reich Gottes werden die getröstet, die jetzt trauern.
Im Reich Gottes werden Herrscher sein, die sich jetzt der Gewalttat enthalten.
Im Reich Gottes werden satt werden, die jetzt notleiden unter der Ungerechtigkeit.
Gott erbarmt sich derer und wird sie in sein Reich nehmen, die jetzt sich erbarmen des Bruders und ihm dienen.
Gott werden schauen, die jetzt sich enthalten der Ungerechtigkeit und Hurerei.
Gott wird seine Kinder heißen, die jetzt den Haß der Brüder helfen verringern.
In das Reich Gottes werden alle die eingehen, die jetzt Gewalt, Verfolgung und Tod erleiden, weil sie den Willen Gottes tun.
In das Reich Gottes werdet ihr eingehen, wenn ihr jetzt auf meinem Wege wandelt, ungeachtet der Schmach und Verleumdung.
Denn ihr, die ihr meinen Weg wandelt, seid das Salz im Volke Israels und unter den Heiden, wenn ihr verderbt, verdirbt das ganze Geschlecht und die große Zukunft Gottes.
Ihr seid der Schein im Dunkeln und das Licht in der Finsternis. Auf euch sollen schauen die Brüder und die Heiden und Gott an euch preisen.
Die Lehrer und Diener der Kirche reden, ich wäre ein Feind Gottes, der das Gesetz vernichte: ich bin kein Feind des Willens Gottes, ich bin sein Erfüller. Denn wenn ihr jetzt nur dem Buchstaben des Gesetzes folgt, werdet ihr nicht eingehen in das Reich Gottes.
Seid zu groß, als daß ihr des Almosens der Rache bedürfet. Die Befriedigung ist eine kleine, und der Durst wächst wie bei salzigem Brunnen.
Seid zu rein, als daß ihr des Sinnenreizes bedürfet. Wer aber seiner Wollust nicht Herr wird, der brauche Gewalt an sich. Besser, er schneidet sich selber, als daß ihn Gott schneide als Unkraut und ihn ins Feuer werfe.
Seid zu wahr, als daß ihr der Beteuerung bedürfet. Eure Rede sei einfach und echt wie eure Gesinnung.
Seid zu hoch, als daß der Haß an euch reiche. Überwindet auch noch den Verleumder durch Liebe. Denn wenn ihr wollet in das Reich Gottes eingehen, müßt ihr werden wie Gott.
Dein Wohltun sei heimlich und ganz. Die Münze ist dem Bettler kein Gewinn und der Beitrag zum Tempel kein Opfer vor Gott. Hilf lieber einem als vielen, und hüte dich, daß deine Hilfe nicht übel rieche, weil sie ist im Munde der Leute.
Dein Gebet sei heimlich und wesentlich. Die vielen Worte und Seufzer in festtäglichem Kleide zu besonderer Zeit sind Lüge, und widerlich ist Gott das Winseln um Dinge der Sinne. Gott haßt die langen Reden mit wogendem Pathos und Selbstberauschung im Dienste, den sie nennen nach Gott, der aber gleicht der Tat Onans.
Betet jetzt also:
Unser Vater, laß uns deine Kindschaft in der Tat bewähren. Führ dein Reich herauf, daß der Wille des Widersachers vergehe vor deiner Herrschaft. Laß uns nicht Knechte werden des Alltags, gib uns das Nötige für den Leib. Auf daß wir nicht Diener werden der Sinne, löse uns ganz aus ihrer Fessel. Denn auch wir wollen lösen, die wir an uns gebunden hielten. Auf daß wir frei sind für die letzte Entscheidung. Wir sind bange vor den Tagen der Trübsal, deine Güte und Allmacht kann uns herausnehmen auch ohne die letzte Pein. Laß uns überwinden, nimm uns aus der Herrschaft des Bösen, des Widersachers, bald in dein Reich!
Deine Selbstzucht sei heimlich. Rühme dich nicht deiner Kraft, prahle nicht mit der Strenge deiner Lebensführung. Denn im Heitern wohnet die Kraft Gottes, nicht im Finstern und Trüben.
Laßt eure Augen hell sein und den Willen fest gerichtet auf Gott. Nur wer sich jetzt löst vom Irdischen, wird eingehen in das Reich Gottes.
Hütet euch vor dem Hinken auf beiden Seiten!
Hütet euch vor den Entschuldigungen und Zugeständnissen!
Hütet euch vor der fromm verzierten Selbstsucht!
Nur die Unbedingten werden in das Reich Gottes eingehen, niemals aber die, die rechts und links und rückwärts sehen.
Haltet euch nicht für besser denn andere: wahrlich, in diesem Hurer kann mehr Kampf gewesen sein um Gott, als in deiner gefälligen Keuschheit und in diesem Diebe mehr Ehrlichkeit, als in deiner unversuchten Tugend.
In allem aber gehet zu Gott. Gott hört den wortlosen Schrei der Angst und den stummen Seufzer der Not besser, als Fülle der Rede. Wie leicht bricht in solche Rede die Ablenkung der Sinne, die Eigensucht und Nötigung der Hörer, die Bosheit des Widersachers. Mit solchem Tun bringt ihr das Heilige auf die Straße zum Zertretenwerden.
Hütet euch vor den falschen Lehrern: das Gesetz der Priester ist so bequem und der Buchstabe das Ruhebett der trägen Gewissen. Mit dem Munde ist's nicht getan und auch nicht mit dem Schein vor den Leuten.
Nur die Unbedingten, die den Willen Gottes tun, werden eingehen in das Reich Gottes. Und ich werde für sie eintreten vor Gott."