Aus der Bubel V

Tagsüber schrieb Rabbi Sussja alles, was er tat, auf einen Zettel. Am Abend vor dem Schlafengehen holte er ihn hervor, las und weinte so lange, bis die Schrift von den Tränen vertilgt war.

 

(Manesse Bubel S. 387 - aus "Die Tage")

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Kommentare: 2
  • #1

    Clemens (Mittwoch, 25 April 2018 10:44)

    Die Hardcore-Variante der abendlichen Innenschau und Selbstanalyse. Ein großes Maß an Verfehlungen in verbindung mit großer Ehrlichkeit sich selbst gegenüber oder eine extrem hohe Latte dürfen wohl vorausgesetzt werden.

    Oder ein generelles Verzweifeln an der menschlichen Existenzform in den Trennungswelten.

  • #2

    Ruth Finder (Mittwoch, 25 April 2018)

    Das Gegenteil wäre Selbstgefälligkeit, Selbstüberschätzung.

    Rabbi Mosche Teitelbaum erzählte: "Am Vorabend des neuen Jahres sah ich zum Fenster hinaus, da rannten die Leute ins Bethaus beten, und ich sah, dass die Furcht des Gerichtstags über ihnen war. Und ich sagte zu mir: "Gott sei Dank, ich habe das ganze Jahr das Rechte getan, recht gelernt und recht gebetet, ich brauche nicht zu fürchten." Da zeigte man mir im Traum alle meine guten Werke. Ich schaue und schaue: zerrissen, zerfetzt, zerschlagen! Und schon war ich wach. Von der Furcht erfasst, rannte ich ins Bethaus."