Am Boden

 

Einer kam zu Rabbi Levi Jizchak und klagte ihm: "Rabbi, was soll ich mit der Lüge tun, die sich mir ins Herz mengt?"

Er hielt inne, dann schrie er auf: "Ach, auch noch was ich eben sagte war nicht aus der Wahrheit gesagt! Ich finde sie nimmer!"

Verzweifelnd warf er sich zu Boden.

"Wie sehr sucht dieser Mann doch die Wahrheit!" sagte der Rabbi.

Er hob ihn mit sanfter Hand vom Boden und sprach zu ihm: "Es steht geschrieben: 'Die Wahrheit wird aus dem Boden wachsen.'"

(Bubel, aka "Die Erzählungen der Chassidim" von Martin Buber)

 

 

Zwei Dinge werden in dieser Erzählung bei unterschiedlicher Deutung sehr schön ausgedrückt.

Einmal eine verzweifelte Haltung, die entstehen kann, wenn der Schüler auf dem Wege schon so weit gekommen ist, dass er nicht mehr meint, ein Segen seines Meisters, ein Wochenendseminar oder die Mitgliedschaft im richtigen Verein allein würde schon die Vollkommenheit bringen. Der Schüler erkennt, dass er einen inneren Schatten hat, dass er ihn nicht so einfach los wird. Ja, dass dieser Schatten - auf eine wahre, aber destruktive Weise gesehen - alles beeinträchtigt und besudelt.

Der Meister hat hier den Schüler aufzurichten und auszurichten (hebt ihn mit sanfter Hand vom Boden) in dem Sinne, dass er des Schülers Erkennen seiner Ausgangsposition anerkennt, und dann die Richtung für das Beschreiten des Weges weist: "Wahrheit wächst sukzessive aus dem Boden, den du gehend be- und überschreitest... Mehr muss dich nicht kümmern."

Anders gedeutet ist es so: Um zur Wahrheit zu gelangen, muss der Schüler den oben beschriebenen Erstzustand des irreführenden Verständnisses überwinden, in dem er meint, "Mitgliedschaft" allein führe zum Ziel, ja, wäre das Ziel. Dann erst kann er eigentlich zum Schüler werden. Er wird vom Psychiker zum Pneumatiker. Oder besser: vom Schlafenden zum Erwachenden. Das ist freilich mit für die AP schmerzhafter Selbsterkenntnis verbunden, die den Schüler niederdrücken kann - bis auf den Boden. Dieser Boden(-zustand) aber ist es, aus dem die Wahrheit erst wachsen kann!

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Kommentare: 2
  • #1

    TvB (Mittwoch, 18 April 2018 14:56)

    Das eigene Ungenügen zu erkennen und nicht aushalten zu können, kann leider auch zum Verlassen des Weges bzw. zum Beschreiten von Umwegen führen. Die Konfrontation wird scheinbar gemieden. Dabei findet eigentlich nur ein inneres Abwenden statt.

  • #2

    Simon (Samstag, 21 April 2018 17:38)

    Dieser "Boden(-zustand)", scheint mir die AP selbst zu sein. Ich bin mir hier nicht ganz sicher, ob Selbsterkenntnis überhaupt über die AP laufen kann. Vermutlich entsteht der Schmerz durch die Identifikation mit der AP.

    "Das eigene Ungenügen zu erkennen und nicht...(TvB)" kann ich gut nachvollziehen. Oder anders: Umwege, sind mir nicht fremd. Je größer die Verwechselung des HS mit der AP umso wahrscheinlicher wird ein inneres Abwenden.

    Tröstlich ist, dass sich häufig Umwege als Gerade zeigen und die Geraden selten Grade waren. Was nicht heißt, das es keine Geraden gibt bzw. schmerzhafte und überflüssige Umwege.

    Um das ganze auf einen Punkt zu bringen, das Beschreiten des Weges, Ausrichtung, Weg-arbeit ist die einzige Gerade, und diese Gerade ist halt relativ, weil sie Umwege mit einschließt.
    Und gegangen wird wo? Auf dem Boden. ^^

    (Mitgliedschaft alleine führt zum Ziel, ja, wäre das Ziel), scheinen (verständliche) Wünsche zu sein, die der AP zuzuordnen sind.
    Das HS IST Mitgliedschaft.
    Innerhalb des HS existiert sie wahrscheinlich gar nicht als Ziel.