Glut, Gesang und Wonne

Ich habe entdeckt und erkannt, dass die höchste Liebe zu Gott in einem Dreifachen besteht: in der Glut, im Gesang und in der Wonne.

 

Ich nenne es Glut, wenn der Geist wahrhaft von Liebe entflammt ist und das Herz gleicherweise das Brennen der Liebe nicht nur empfindet, sondern wirklich erfährt. Denn ein Herz, das in Feuer verwandelt wird, fühlt die Feuerflamme der Liebe.

 

Gesang nenne ich es, wenn die Seele die Wonne des ewigen Lobpreises mit überströmender Liebe in sich aufnimmt und das Denken sich in ein Lied wandelt und der Geist in einer lieblichen Melodie verweilt.

 

Beide werden nicht in müßigem Dahinleben wahrgenommen, sondern in der vollkommenen Hingabe an Gott, und aus ihnen erwächst ein drittes, nämlich unermessliche Wonne.

 

(Richard Rolle, um 1300 bis 1349 - erster als "englisch" zu bezeichnender Mystiker)

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Kommentare: 1
  • #1

    Clemens (Freitag, 13 April 2018 14:17)

    Seit einer Weile lese ich mich in Gerhard Wehrs Überblick über die europäische Mystik ein. Er wählt dabei eine länderbezogene Systematisierung, die ihm zufolge willkürlich, aber nicht willkürlicher, als andere Ansätze sei, da gedachte Trennungen zwar einerseits das Verstehen erleichtern, aber andererseits die engen Zusammenhänge aufbrechen würden.

    Es kann ja letztlich nicht verschiedene Mystiken geben - was die Annäherung an das Eine betrifft. Gleichwohl gibt es doch zeitliche, regionale und kontextbezogene Blickwinkel. Das alles aber nicht losgelöst vom Einen, denn sonst wäre es keine Mystik. Bestenfalls Religion.

    Eindrucksvoll an dem Werk von Wehr ist die Fülle von Spiritualität, die scheinbar immer wieder und überall sich Ausdruck verschaffte. Besonders, wenn man annimmt, das längst nicht alle diese Ausdrücke tradiert sind.

    Es tauchen jedenfalls in Wehrs Buch ständig Namen auf, die ich noch nie gehört habe. So auch Richard Rolle, der verschiedene mystische Bücher und Traktate verfasste.