Wohlwollen

Wohlwollen ist die Tugend zur "Antitugend" Neid. Sowohl Tugend als auch Neid treten meistens nicht in Reinform - als Grundhaltung - auf. Vielmehr sind sie gewöhnlich selektiv wirkend und mit egoistischen Motiven verbunden.

 

Bei Neid ist das offensichtlich (also das Selektive, nicht das Egoistische, denn das ist beim Neid ja sowieso klar). Man beneidet nur bestimmte Leute. Eben jene, die etwas "haben", das einem selbst erstrebenswert erscheint.

 

Bei Wohlwollen wird beim Blick auf eine Reihe Synonyme der selektive Charakter erkennbar: Geneigtheit, Hang, Präferenz, Sympathie, Vorliebe, Zuneigung, Gewogenheit, Gunst, Wohlwollen, Huld, Zugewandtheit, Bejahung. Hier hängt viel von der eigenen Einstellung, den eigenen Bedürfnissen, Wünschen etc. ab.

 

Wahrhaft als Tugend gelten kann aber wohl nur ein grundsätzliches Wohlwollen, das von eigenen, egoistischen Positionen frei ist. Andererseits kann es aber nicht bedeuten, dass man in der jeweiligen Sache unkritisch sein muss. Die Gratwanderung ist in diesem Fall wieder, dass man schrittweise zwischen objektiven (objektiveren) Positionen und egoistischen (egoistischeren) Positionen zu unterscheiden lernen muss.

 

Interessant vielleicht noch die Überlegung Kants, der laut Wikipedia das Wohlwollen als die einzige Primärtugend angesehen haben soll, auf der alle anderen Tugenden insofern beruhen, dass sie ohne Wohlwollen "böse und schädlich werden" (Kant) könnten.

 

Weiteres Kantzitat: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Finder (Mittwoch, 04 April 2018 19:54)

    Ich denke, die primärste (^^) Tugend ist Liebe.
    Vielleicht hat Kant deswegen an der Stelle das Wohlwollen genannt, weil ihm bewusst war, mit wie vielen Missverständnissen der Begriff "Liebe" beladen ist - mehr als "Wohlwollen" - und wie schwer es ist, die wahre Liebe zu verwirklichen. Und obwohl wahrhaft wohlwollend zu sein, viel Entwicklung erfordert, wäre der "Anspruch", seine Tugendhaftigkeit bzw. Tugendentwicklung auf der Basis von Wohlwollen zu leben, ein sehr guter Anfang, ohne dabei an dem hohen Ideal der wahren Liebe "zu verzweifeln".

    Kant war halt ein ziemlich wohlwollender Mensch und Denker, der die Unzulänglichkeiten aber auch die Möglichkeiten der Menschen kannte und die Latte für seine Mitmenschen nicht so hoch gelegt hat. ^^

    Es ist aber von mir nicht gemeint: Man wird wohlwollend und dann erst liebend - die Übergänge sind fließend, manches passiert auch gleichzeitig.