Gebet als Tugend...

 

...und darüber hinaus (in Anlehnung an Franz Jalics)


Was ist eigentlich ein Gebet und worauf zielt es ab? Beim Beten versuchen wir einfach, mit dem Höchsten in Kontakt zu kommen, uns auf ihn einzustimmen und uns mit ihm auszutauschen. Wenn wir uns beim Gebet für eine Form entscheiden, haben wir dazu mehrere Möglichkeiten, welche auch im Grad der Annäherung an ihn unterschiedlich sind.


In der einfachsten Form verwenden wir vorgefasste Gebete, wie etwa das Vaterunser oder ein bekanntes Tischgebet. Es hilft uns dabei, uns im jeweiligen Kontext auf Gott einzustimmen.


Ein weiterer Schritt besteht darin, von einem vorgefassten Text auf eigene, persönlich gefasste Worte überzugehen. Es sind meist reflektierende Gebete, wo wir auf unser eigenes Empfinden und Wollen Bezug nehmen und uns dabei vertrauensvoll an IHN wenden. Wir sind beispielsweise fröhlich, traurig oder verängstigt und möchten dieses Gefühl mit ihm in Form eines inneren Gespräches teilen. Oder wir formulieren eine konkrete Bitte an ihn.


Eine weitere Form des Gebetes, die oft nicht so klar als solches erkannt wird, besteht in der Meditation über spirituelle Texte oder im eigenen Verfassen derselben. Durch die Beschäftigung mit dem „Wort Gottes“ richten wir uns auf IHN aus, treten in Resonanz und kommen möglicherweise sogar in einen wechselweisen Austausch mit ihm, wenn wir grokend Zusammenhänge erkennen oder beim Schreiben Inspiration erfahren.


Bei all diesen Gebeten spielt aber immer noch die Form eine wesentliche Rolle, wir bedienen uns unserer Worte, Gedanken oder Gefühle, um IHM nahezukommen. Hand in Hand damit betrachten wir den Höchsten meistens als von uns getrennt als unseren göttlichen Vater/unsere göttliche Mutter, oder personifiziert als Jesus, Buddha…


Mit der Einsicht, dass wir in Wahrheit nicht von Gott getrennt sind, dass er in uns ist, ändert sich auch unser Gebet. Wir kommen immer mehr von der Form ins Formlose, kommen in Kontakt mit dem Königreich der Himmel in uns, in unseren „Urgrund“, wo es keine Formen mehr gibt. Wir beten dann, indem wir über das Betrachten/Schauen in die Gegenwart, ins Jetzt kommen, beispielsweise in Form von Einspitzigkeitsübungen oder stillem Verweilen.


Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen treten sukzessive in den Hintergrund, wir werden innerlich leer und nähern uns immer mehr dem an, was im christlichen Kontext als Kontemplation bezeichnet wird. Ein reines Verweilen im Sein, in der Gegenwart Gottes, wo es nur mehr ein Schauen gibt, angereichert mit Vertrauen und Liebe. Daraus vollzieht sich in weiterer Folge eine Wandlung unseres gesamten Wesens, wir werden "von Grund auf" neu.


Obwohl in diesen unterschiedlichen Arten des Gebetes eine Evolution/Steigerung des Grades der Annäherung an den Höchsten erkennbar ist, kann man diese nicht wie eine lineare Stufenleiter betrachten, die wir Schritt für Schritt erklimmen. Es ist immer ein gleichzeitiges Stehen auf mehreren Stufen, wobei sich aber unser Schwerpunkt mit zunehmender Entwicklung weiter nach oben verlagert.


Und es gibt nach dem Erreichen mancher Kontemplationshöhen auch wieder einen Weg zurück nach „unten“, hin zur Meditation, Betrachtung und Bibelauslegung, jetzt aber auf einer anderen, viel reicher gewordenen Basis. Es ist kein geringerer als Meister Eckhart, der uns auffordert, aus dieser neu gewonnenen, unmittelbaren Verbindung zum Höchsten heraus ganz bewusst im Alltag zu wirken und Tugenden zu verwirklichen. Jetzt aber nicht mehr aus intellektuellem Verstehen und Einsicht, sondern auf Basis einer permanenten Verbindung - eines permanenten Gebetes - heraus.

 

(Jonas Hochreiter)

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Kommentare: 8
  • #1

    Clemens (Donnerstag, 29 März 2018 11:13)

    Eine sehr stimmige Beschreibung der Annäherung an die "Kontemplationshöhen". Ich habe mich gedanklich deutlich hierarchischer an den Versuch herangearbeitet, den kontemplativen Zustand/Zugang in Worte zu fassen.

    Basis war für mich die Unterscheidung der Gebetsstufen Bittgebet, Dankgebet und Lobpreis, die ich dabei linearer gedacht habe und bei der ich eigentlich nur die letzte Stufe als Einstieg in die Kontemplation sah. Ich dachte mir den Übergang von dort aus auch gleitend und mehr als gleitendes Spektrum denn als Punkt - so wie Jonas es mit der Leiter beschreibt.

    Vom Preisen in eine zunehmende Erhebung zu geraten und dabei über Loslassen des eigenen Seins, Hingabe des eigenen Seins, Entwerden und Ausgefülltwerden vom Höchsten selbst, schien mir nahezuliegen. Nachdem ich nun die Nichthierarchie der Gebetsformen nach Jonas versuchsweise auf die von mir benutzten drei Stufen übertragen habe, sehe ich, dass es auch recht leicht denkbar ist, über den Dank in den gleichen Prozess einzusteigen.

    Lediglich beim Bittgebet sehe ich die vordergründig egoistische Motivation als ziemlich hinderlich. Allerdings ist auch das Bittgebet nicht zwingend egoistisch und auch hier ist ein Einstieg in die Hingabe und mehr durchaus denkbar/grokbar, wie ich jetzt sehe.

    Über den kontemplativen Zustand selbst ist einerseits jedes Wort zuviel, andererseits kann (und muss) endlos darüber gesprochen werden. Ich fasse mich hier kurz, da das im Blogbeitrag selbst schon sehr eindringlich gefasst ist.

  • #2

    Jonas (Donnerstag, 29 März 2018 14:45)

    Hallo Clemens, bei Bittgebeten gibt es meines Erachtens nach ein sehr breites Spektrum, das von egoistisch bis zu altruistisch reicht.

    Wenn einer vom Höchsten den nächsten Lottogewinn erfleht, um mit dem Geld mit ein paar leichten Mädchen in der Karibik Urlaub machen zu können, ist er sicherlich auf der egoistischen Seite dieses Spektrums unterwegs.
    Wenn man um die Übernahme des Leides seines spirituellen Bruders/Schwester bittet, dann wird man sich eher am anderen Spektrumsende bewegen. In letzterem Fall kann also auch ein Bittgebet den Einstieg ins Sein ermöglichen.

    Auf Dankgebete kann man das übrigens auch umlegen. Ein egoistisches Beispiel dazu gefällig?: "Herr, ich danke Dir so sehr, dass der Blitz nicht mein Haus, sondern das meines Nachbarn getroffen hat."^^

  • #3

    Clemens (Donnerstag, 29 März 2018 15:21)

    Ja, sehr richtig - nur bezüglich des Blitzes ließe sich vielleicht genauer hinsehen: Du kennst meine Nachbarn nicht! :o) Für die meisten Nachbarn wird es aber sicher gelten.

  • #4

    Clemens (Donnerstag, 29 März 2018 15:24)

    Und ja! Das Spektrum ist breit. Genutzt wird aber wahrscheinlich zu mindestens 96% nur der linke Rand. ^^

  • #5

    Jonas (Donnerstag, 29 März 2018 17:16)

    Ja Clemens, da bin ich ganz bei Dir, das ist eine linksschiefe Verteilung der Häufigkeit.

  • #6

    Jonas (Donnerstag, 29 März 2018)

    Oh, ein Fehler meinerseits, natürlich andersherum - in unserem Beispiel natürlich eine rechtsschiefe Verteilung. Wenn links der Egoismus angesiedelt ist.

  • #7

    Clemens (Donnerstag, 29 März 2018 17:50)

    Das mit dem links/rechts war eigentlich ein Wortspiel. Rechts=recht, richtig. Links= link, fies. Und dann noch der Zeitstrahl (Entwicklung), der in unserer von links nach rechts schreibenden Kultur eben auch von links nach rechts verläuft.

    Aber da könnte es auch noch andere Hintergründe geben. Linke Gehirnhälfte zuständig für egoistische Positionen? Die rechte für Kontemplation? Rechts wird gefahren (sollte es zumindest), links karmischer Gegenverkehr? ^^

  • #8

    L. (Dienstag, 03 April 2018 16:50)

    Die Pistis Sophia aber sonderte Sabaoth von der Finsternis ab und berief ihn an ihre Rechte. Und den Archigenetor stellte sie an ihre Linke. Seit jenem Tag wurde rechts 'die Gerechtigkeit' genannt, und links wurde 'die Ungerechtigkeit' genannt.

    (Die Schrift ohne Titel, NHC II,5)