Makarismen (Seligpreisungen)

Jalics ("Kontemplative Exerzitien") führt in seinen Überlegungen einen mir bisher unbekannten Blickwinkel auf die Seligpreisungen zu Beginn der Bergpredigt Jesu ein. Er deutet sie als Hinweise auf den spirituellen Prozess (die spirituelle Praxis) des Leerwerdens als Vorbedingung für das Gefülltwerden durch Gott.

 

Bei Matthäus 5, 1-12 finden sich neun Seligpreisungen. Bei Lukas 6, 20-22 finden sich nur vier. Diese werden heute von vielen Theologen als authentische Jesusworte angesehen, da Lukas älter ist (und noch aus verschiedenen anderen Gründen). Die anderen gelten vielen als spätere Hinzufügungen. Die vier lukanischen Seligpreisungen sind:

 

"Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen um des Menschensohnes willen."

 

Wichtig scheint mir, dass, im Zusammenhang mit Armut, Hunger, Traurigkeit/Trauer und Ablehnung durch die Menschen für (nennen wir es) wahren Glauben incl. der Konsequenzen, von zumindest großteiliger Freiwilligkeit ausgegangen werden sollte. Armen und Hungernden sonst ihre Seligkeit hinzuhalten, erschiene mir abgeschmackt. Das heißt aber nicht, dass aus Armut, Hunger etc. nicht auch in einem unfreiwilligen Rahmen die erwähnten Seligkeiten erwachsen können. Sie tun es vielleicht sogar recht häufig.

 

(Freiwillige!?) Armut lässt sich als Freisein/werden von Konsumismus, als Reduktion auf die Siebensachen lesen. Das Reich Gottes gehört ihnen, da sie inwendig den Raum dafür geschaffen haben. (Lutherbibel von 1912, Lukas 17,21 "man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.")

 

In allen aktuelleren Übersetzungen steht an der Stelle übrigens: "man wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch." Das ist ein aufschlussreicher Unterschied, weil hier das Reich Gottes mehr im Zwischenmenschlichen angesiedelt wird.

 

Hunger ließe sich als aktives Fasten, Enthaltsamkeit, Keuschheit etc. lesen. Vielleicht als Übergangsübung zur "Armut". Den Hungernden wird eine darüber hinausgehende Sättigung versprochen - etwa eine Freude aus dem Prozess heraus?

 

Die Traurigen, Trauernden trauern sicher auch weniger über erfahrenes Leid, eigenes und das von Freunden und Angehörigen. Sie trauern über den Zustand der Welt, über die beobachteten Missstände. Dies führt zum Frei(Leer-)werden von der Teilhabe an diesen Missständen. Die Freude, das Lachen, liegt in der errungenen Freiheit/Leerheit, die aber eben keinen leeren Raum entstehen lässt. Etwas neues und anderes zieht ein!

 

Und die vierte Seligkeit erklärt sich fast von selbst. Man könnte höchstens sagen, dass es nicht grundsätzlich immer zu dieser Konfrontation kommen muss. Gewiss aber manchmal schon. Und in Extremfällen... Aber da muss jeder selbst für sich schauen. Die Freude (Gottesgegenwart/-nähe) liegt hier einfach im rechten Tun/Reden/Denken.

 

Die anderen Seligkeiten bei Matthäus sind übrigens dann (es sind nicht nur fünf mehr, da hier auch andere Formulierungen auftauchen):


- Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.
- Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
- Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
- Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.
- Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
- Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.

 

Da lässt sich - Authentizität hin oder her - auch was draus machen.

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