Erkenntnisfortschritt

Ich hörte heute, dass John Stuart Mill die Ansicht vertrat, dass Erkenntnisfortschritt nur durch Nachweise von Falschheit zu erreichen sei. Also nicht durch Nachweise von "Richtigkeit". Ob dies als Hundertprozentigkeit stehengelassen werden kann/muss, wage ich zu bezweifeln, aber ich habe für mich den Eindruck, dass ich zumindest auf persönlicher Ebene mehr dadurch gelernt habe, dass ich Dinge gesehen habe, die mir falsch erschienen, als durch Dinge, die mir richtig erschienen.

 

Das relativiert auch die Aussage von Thogme, mit der ich nicht glücklich bin, dass "Bodhisattvas" einander nicht kritisieren sollen. Klingt für mich irgendwie nach Filz und nach "eine Krähe pickt der anderen kein Auge aus". Das Problem dabei ist wohl eher der menschliche Hang, Detailkritik zu verallgemeinern und damit die ganze Person (oder einen Sachverhalt) abzuwerten.

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Kommentare: 2
  • #1

    Ruth Finder (Samstag, 03 März 2018 19:55)

    Hat Thogme nicht von "schlecht reden" gesprochen? Das ist was anderes als die Äußerung konstruktiver Kritik, die er wahrscheinlich nicht in Frage stellt.
    Und kann es sein, dass "gut reden" ("gut zureden") die höchste Form der positiven Kritik ist. Das hieße, sie so vorzutragen, dass unser Gegenüber am Ende sagen würde: "So habe ich das auch schon gesehen."

  • #2

    Maria (Mittwoch, 07 März 2018 11:11)

    Meinst Du diese Textstelle bei Thogme (37.32)?:
    „…Nicht schlecht über jene zu sprechen, die den Mahayanapfad betreten haben, ist die Übung der Bodhisattvas.“

    Schlecht reden über Weg-Gefährten ist etwas anderes als jemanden zu kritisieren, das sehe ich auch so wie R.F.

    Auf das angesprochenen Kritisieren bezogen, verstehe ich den Sachverhalt so:
    - Bodhisattvas müssen sich nicht (mehr) gegenseitig kritisieren, sonst wären sie keine Bodhisattvas.
    - Für alle anderen auf dem Weg hin zum Bodhisattva (Weg-Arbeiter) verstehe ich das so, dass man vorsichtig und bedacht mit Kritik sein muss. Kritik an Weggefährten birgt eine große Gefahr: Dass das Bemühen am falschen Ort mit der falschen Zielrichtung eingesetzt wird. Es ist unsere Aufgabe uns selbst zu entwickeln und zu erkennen. Das damit einhergehende, wachsende Erkennen, auch bezogen auf andere, darf man nicht als Freibrief verstehen, sich an anderen „abzuarbeiten“, sondern man sollte die eigenen Fortschritte mit Demut, Freude und Bescheidenheit weiter ausbauen. Das Fokussieren von Fehlern bei Weggefährten ist generell nicht richtig, und selbst bei gut gemeinter Kritik muss man sich sehr klar bezüglich seiner inneren Haltung und Motivation sein. Kritik an anderen birgt die Gefahr, das unheilsame Qualitäten wie Hochmut, Eitelkeit, Stolz, generell Egoismus wieder Raum nehmen, obwohl man selbst woanders auch nur über ein begrenztes Erkennen und Verwirklichen verfügt.
    - Es geht auf keinen Fall darum, unkritisch zu sein und einen anderen Weg-Arbeiter sehenden Auges ins Verderben laufen zu lassen, auch das ist nicht richtig. Es ist ein Prozess des Erfahrung-machens und Erlernens von Unterscheidungsvermögen und geeigneter Mittel. Man muss sich als Schüler-Lehrer und Lehrer-Schüler, der man auf dem Weg des Bodhisattas wird, nicht nur immer besser selbst erkennen, sondern sich auch fragen, wie das eigene Erkennen sich und anderen am besten nützt. Bin ich gefragt nach einer Rückmeldung? Kann ich erkennen, dass beim anderen die Bereitschaft da ist, eine Kritik anzunehmen? In welcher Form muss ich sie dann adressieren? Was ist meine Motivation, das zu tun? Und und und. Viel Raum für Übungsmöglichkeiten für uns. Und jeder hat da andere Lernfelder, auch wenn die Themen sich gleichen.
    - Richtig verstandene und gelebte Demut erscheint mir hier als ein bedeutsamer Punkt, weswegen sie auch bei den Wüstenvätern ein Zentralthema ihrer Wegweisungen war:

    „Ein Bruder der Sketis war gefallen. Man hielt eine Versammlung ab und schickte zu Abbas Moses. Der aber wollte nicht kommen. Daraufhin sandte ihm der Priester den Auftrag: ‘Komm, denn das Volk erwartet dich!‘ Moses erhob sich und kam. Er nahm einen durchlöcherten Korb, füllte ihn mit Sand und nahm ihn auf die Schulter. Die Brüder gingen ihm entgegen und sagten zu ihm: ‚Was ist das, Vater?‘ Da sprach der Greis zu ihnen: ‚Das sind meine Sünden. Hinter mir rinnen sie heraus, und ich sehe sie nicht, und nun bin ich gekommen, um fremde Sünden zu richten.‘ Als sie das hörten, sagten sie nichts mehr zu dem Bruder, sondern verziehen ihm.“
    (Worte der Väter, Nr. 496)

    „Der Demütige widersteht der Versuchung, aus dem Anschein von Unwert, in dem der Schuldiggewordene dasteht, Kapital zu schlagen für den eigenen Wert.“
    (Beides zitiert aus G. u. T. Sartory: “Die Meister des Weges in den großen Weltreligionen“, S. 163)