Thogme 37.32

32. Wenn ihr unter dem mächtigen Einfluß der Geistesgifte über die Fehler anderer Bodhisattvas sprecht, schädigt ihr euch und andere. Nicht schlecht über jene zu sprechen, die den Mahayanapfad betreten haben, ist die Übung der Bodhisattvas.

Es geht nicht darum, dass nicht über Fehler gesprochen werden darf, sondern darum, mit welcher Motivation wir dies tun. Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass der Weg in den Trennungswelten eben ein Weg ist. Zu lernen,  unsere Fehlerhaftigkeit anzuerkennen und auszuhalten ist die Basis der Weg-Arbeit. Die Vorstellung, dass wir als Weg-Arbeiter ab einem gewissen Punkt, wenn wir „es geschafft haben“, keine Fehler mehr machen, muss abgelegt werden. Sie führt zu großem Leid und blockiert unsere Entwicklung. Weg-Arbeit hört nicht auf. Siehe dazu auch den Blogeintrag vom 11.02.2018, Perfektionsglaube und Ich-Identifikation.

 

(Ruth Gabriel)

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Kommentare: 2
  • #1

    Maria (Montag, 19 Februar 2018 12:49)

    Hier wird ein Problem beschrieben, dass im Laufe unserer spirituellen Entwicklung immer wieder und lange Zeit, in unterschiedlicher Ausprägung und Form, eine große Gefahr darstellt, sei es nun ausformuliert, d.h. in geäußerter und gelebter Kritik oder in gedachter und gefühlter Form. Wozu Jesus ja bekanntlich sagte, dass auch das Denken und Fühlen ein Tun ist.
    Als Hyliker und lange Zeit auch als Psychiker (vor dem bewussten Einstieg in die Weg-Arbeit), wo noch eine ungetrennte Identifikation mit der AP und kein bis schwankendes Bewusstsein für das HS vorhanden ist, ist das Wissen um das Wirken der drei Geistesgifte in sich selbst nicht bis wenig bewusst. Es wird bei sich selbst gar nicht oder wenig, bei anderen aber überdeutlich wahrgenommen. Die Erkenntnismöglichkeiten und das (spirituelle) Bewusstsein auf dieser Ebene sind jedoch sehr gering und schwankend. Insofern handelt es sich dabei nicht um wahres Erkennen, sondern um ein mit Projektionen, Identifikationen und Abwehr gefärbtes Wahrnehmen und Verhalten, um von den eigenen Verfehlungen abzulenken und diese zu rechtfertigen. Hier entspricht das „Herumhacken“ auf Fehlern anderer einer animalischen, unbewusst ausgelebten Hackordnung zwischen den toten und schlafenden APs, die so das unheilsame Karma und die Verstrickungen untereinander massiv forcieren.

    Als Suchende und Weg-Arbeiter wollen wir uns von solchen unheilsamen und leidbringenden Verhaltensweisen befreien, auf allen Ebenen. Der Auftrag der Wegarbeit bezieht sich immer primär auf das Erkennen der eigenen Fehler. Hier besteht unsere größte Entwicklungsanforderung, hier gibt es genug zu tun. Mit dem besseren Erkennen unserer selbst geht natürlich ein verbessertes Erkennen anderer einher. Mit Abstand sind bestimmte Dinge (beim anderen) einfach leichter zu erkennen. Erkennen ist auch gewünscht, denn im die Unterscheidung von falsch und richtig ist ein Ziel unseres Weges. Erkennen bedeutet aber hier auch immer zu lernen, wie man mit dem daraus resultierenden Wissen richtig umgeht. Das Ansprechen von Fehlern bei anderen kann hilfreich bis schädlich sein, auch hier gilt es Rechtes Erkennen und Tun zu erlernen.

    Diese Übung des Bodhisattvas macht deutlich, dass wir immer falsch liegen, wenn wir unter dem Einfluss der drei Geistesgifte (Gier, Hass, Unwissenheit) andere kritisieren, vor allem die, die sich mit uns auf dem spirituellen Weg befinden (andere Bodhisattvas). Denn es ist davon auszugehen, dass sich durch die Weg-Arbeit das Wirken der drei Geistesgifte in uns nicht erledigt, sondern zunehmend verfeinert, subtiler und damit schwerer erkennbar wird, aber noch lange wirksam ist. Darüber hinaus trennt es die miteinander Verbündeten auf dem Weg und macht deutlich, dass man etwas noch nicht richtig verstanden hat, wenn man a) seine Weggefährten und b) im falschen Geist kritisiert. Das wäre so, wie wenn man in das gemeinsame Wohnzimmer kackt, nur weil man Bauchweh hat und nicht zur Toilette gehen will.

    Durch die Anforderung, als Weg-Arbeiter zunehmend andere auch zu lehren, werden wir mit einer weiteren Lernaufgabe konfrontiert. Hier ist es eine große Gefahr, dass sich unser Rest-Ego dadurch am Leben erhält und wieder aufwertet, sozusagen versteckt im „Auftrag des Herren“. Hier gilt es herauszufinden, was dieser Lehrauftrag wirklich bedeutet und in welcher Form er heilsam für uns und andere gelebt werden kann.

  • #2

    Clemens (Montag, 19 Februar 2018 15:05)

    Übung 32 bezieht sich ja nominell auf spirituelle Geschwister. Übung 34 fasst das allgemeiner und ich würde auch diese Übung (32) auf alle beziehen (sind doch eigentlich alle spirituelle Geschwister). Theoretisch/methodisch kann man die Übung auf zweierlei Weise angehen. Eine dritte Weise ist die Mischform. Sie wird praktisch wahrscheinlich vorherrschen, aber im Bewusstsein des Praktizierenden ist wohl häufig einer der ersten zwei Ansätze favorisiert.

    Der erste Ansatz arbeitet am Tun. Man versagt sich die Äußerung negativ (gefärbter!) Inhalte. Hält einfach mal die Klappe - egal, wie es IN einem aussieht. Damit schneidet man zumindest den Karmafaden schon einmal weitgehend ab. Weitgehend, weil beim Anfänger wahrscheinlich immer noch einiges "durchsickert". Klappe gehalten, aber die Gesichtszüge nicht im Griff etc. Das Resultat zu genießen fällt aber wohl schwer, wenn im Inneren noch der Groll arbeitet. Zumindest aber lernt man etwas im Bereich Interaktion und Sozialverhalten.

    Der zweite Ansatz arbeitet mit der Wurzel. Negative Impulse werden auf Gefühls- und Gedankenebene angegangen, BEVOR es zu Äußerungen kommen kann. Das Instrumentarium ist bekannt: relativieren, ersetzen, wegatmen, Zähne zusammenbeißen, loslassen, ignorieren... Der Vorteil ist die größere Nachhaltigkeit der Erfolge. Dafür sind die Erfolge möglicherweise schwieriger zu erzielen.

    Nachtrag: Im zweiten Absatz schrieb ich "(gefärbter!)", weil es - wie auch bei Maria anklingt - ja nicht wirklich sein kann, dass wir keinerlei berechtigte Kritik äußern dürfen. Damit würde der spirituellen Gemeinschaft ein wichtiges Entwicklungswerkzeug genommen. Haltung und Geschicktheit der Mittel sind da weitere Lernaufgaben (die auch fehlen würden, wenn wir ein generelles Kritikverbot einhalten wollen würden).