Thogme 37.33

33. Um des Gewinns und der Achtung willen streitet man untereinander und die Übung von Hören, Nachdenken und Meditieren wird vernachlässigt. Die Bindung an Haus, Wohltäter, Freunde und Verwandte aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.

 

Im ersten Satz fasst Thogme die Misere der Welt gekonnt zusammen. Es geht praktisch überall vor allem um materielle Vorteile und höheren Sozialstatus - oder besser gesagt, um die beständigen Versuche, beides zu erringen. Die allein zur Befreiung aus diesem Hamsterrad und zur Gnosis führende Trias "lectio, meditatio, contemplatio" findet da kaum Platz, und dieser wenige Raum wird fast nur durch karmischen Druck erzwungen.

 

Interessant ist, bezogen auf Gewinn/Achtung die Überlegung, wie diese auf die drei Säulen des spirituellen Lebens übertragen aussehen.

 

Der zweite Satz ist buddhistisch absolut verstehbar - im Zuge der Aufgabe jeglicher Bindung an die Welt. Wir interpretieren ihn bezogen auf den ersten Satz. Nämlich als Aufforderung, die Bindungen an Haus, Wohltäter, Freunde und Verwandte zu egoistischen Vorteilen (Gewinn/Achtung) aufzugeben. Oder anders gesagt, zur Aufgabe des Hängens an diesen Bindungen, nicht zur Verleugnung und Auflösung derselben. Denn unserer Ansicht nach wachsen Bindungen innerhalb der Trennungswelten beständig und ohne Obergrenze - wenn wir die Überwindung der Trennung selbst nicht als "Obergrenze" sehen wollen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Finder (Samstag, 17 Februar 2018 19:51)

    Zum Wachsen der Bindungen:

    "Was bedeutet das wohl, wenn Gott sagt: "Wer Vater und Mutter, Schwester und Bruder verläßt, Hof, Acker oder was immer, der wird das Hundertfache bekommen und das ewige Leben"? Bei Gottes Wahrheit und bei meiner Seligkeit wage ich mit Gewissheit zu sagen: Wer um Gottes und des Gutseins willen Vater und Mutter, Bruder und Schwester oder was auch immer verlässt, der bekommt das Huntertfache, und zwar auf doppelte Weise. Einmal, dass ihm dann Vater und Mutter, Bruder und Schwester hundertmal lieber werden, als sie es jetzt sind, sodann dadurch, dass ihm nicht nur hundert Menschen, sondern alle Leute, weil sie Leute, weil sie Menschen sind, ungleich lieber werden, als ihm jetzt natürlicherweise Vater, Mutter oder Bruder lieb sind. Dass der Mensch das nicht wahrnimmt, kommt einzig und allein daher, dass er noch nicht Vater und Mutter, Bruder und Schwester und alle Dinge rein um Gottes und des Gutseins willen völlig verlassen hat."

    (Meister Eckhart)