Thogme 37.24

24. Die verschiedenen Leiden gleichen dem Sterben eines Sohnes im Traum. Ihr habt euch durch Verstrickung in die täuschenden Erscheinungen, die ihr für Wirklichkeit hieltet, erschöpft. Widrige Umstände daher als Illusionen zu betrachten ist die Übung der Bodhisattvas.

Die Empfindung des Leids, das bei dem Verlust unseres Kindes im Traum entsteht, ist real. Doch entsteht dieses Leid aus einer Illusion. Genau so ist es in unserem Leben. Alles Leid entsteht aus der Illusion, dass wir getrennt und unabhängig von Gott sind und dadurch das Wesentliche im Außen, in den Umständen finden können. Da wir uns mit unserer AP verwechseln, opfern wir den Großteil unseres Lebens dafür (erschöpfen wir uns darin), die egoistischen Wünsche zu bedienen, die ohne Ende immer weiter nachwachsen, da es auf dieser materiellen Ebene nichts Bleibendes geben kann (Einrichtung) und vergessen das Wirkliche, nämlich aus unserer Abhängigkeit herauszutreten und uns zu befreien (Ausrichtung). Nur dadurch werden wir immer mehr Gott Ausdruck verleihen können, verwirklichen, wirksam werden, aus Möglichkeiten Wirklichkeit werden lassen. Als Weg-Arbeiter haben wir zu den uns gegebenen jeweiligen Umständen folgende Arbeitshypothese: Es sind die notwendigen Umstände für uns, die diese innere Entwicklung ermöglichen. Daraus ergibt sich die logische Schlussfolgerung, dass es keine widrigen Umstände gibt, diese also eine Illusion sind. Diese Haltung in uns zu entwickeln und immer weiter zu festigen ist die Übung der Weg-Arbeiter.

 

(Ruth Gabriel)

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Kommentare: 3
  • #1

    Maria (Montag, 12 Februar 2018 16:38)

    Ein sehr guter Kommentar. Wie sagte Ruth F. letztens: "Hätte ich gerne auch so geschrieben!" :-)

    Mir ist ergänzend folgendes zur Übung und beim Kommentarlesen eingefallen: Diese Übung beschreibt den Weg zur Befreiung auf einer Meta-Ebene, die Richtung, wie dies auch bei den anderen Übungen der Fall ist. Diese Anweisung verweist darauf, dass auch aus einer Illusion enormes Leid entsteht. Es gibt wohl für die meisten Menschen wenig schmerzhafteres, als das eigene Kind sterben zu sehen. Warum kann eine Illusion solche Schmerzen und Leid verursachen? Weil wir es hier mit zwei Ebenen zu tun haben, die beide – in gewisser Hinsicht - real sind. Die Illusion ist, solange wir in ihr leben und keine andere Sicht, keinen Abstand, kein Erkennen haben, lebendig, sozusagen relativ-absolut wahr. Wir schaffen uns so die Welt und sind – lange Zeit - mit den leidvollen Ergebnissen unserer Weltsicht, den daraus resultierenden Vorstellungen, Erfahrungen, Worten und Taten konfrontiert. Wir vitalisieren die Illusion, so wie die entsprechenden Elementale, die die jeweilige Illusion unterfüttern. Und nehmen sie gleichzeitig wieder als Bestätigung für unsere Weltsicht, stecken im Kreislauf von Samsara fest. Und solange keine Spiegelung da ist, die eine befreiende Perspektive mit sich bringt, sind das Leiden und die Illusion absolut real. Die andere Ebene, die hier als Befreiungsweg beschrieben ist, ist die absolute Realität, noch realer oder einzig real, nämlich von der Warte der Nicht-Identifikation, der Nicht-Illusion, unbuddhistisch formuliert, von der Warte des erkennenden HS und der göttlichen Perspektive aus. Erst wenn man auf dem Befreiungsweg voranschreitet, macht man zunehmend die Erfahrung, wo man mit Illusionen zu tun hat und wie man seine göttliche Macht (wir erschaffen permanent) zum Wohl oder Leid einsetzen kann. Lange Zeit ist es für den Wegarbeiter wahrscheinlich ein hin- und herfallen, schweben und zunehmend bewussteres Wechseln zwischen den zwei Ebenen. Bei fortschreitender Wegarbeit wird jedoch sukzessive der erlebte und erlittene Realitätsgehalt der Illusion kleiner. Und man kann zunehmend mehr von der Warte des geklärten HS die Illusion der ersten Ebene erkennen und mit ihr arbeiten. Nicht umsonst ist es eine Übung für einen Bodhisattva (um ein Erleuchteter zu werden), die jeweiligen Illusionen im Leben zu erkennen und zu überwinden - als großer ganzer Weg und im jeweiligen Detail der tagtäglichen Wegarbeit.

    Hier ist mir sehr bewusst geworden, warum Liebe und Mitgefühl so enorm wichtig sind: Weil man sonst kein Bodhisattva werden kann. Befreiung ist, bezogen auf das enorme Leid, das schon allein ein Menschen von der ersten Inkarnation bis zur Theose produziert und zu überwinden hat, harte Arbeit. Diesen Weg bewältigt man – natürlich neben zunehmender Bewusstwerdung und Erkenntnis - nur mithilfe von Liebe und Mitgefühl. Die Liebe Gottes ist die erste und größte, die uns uranfänglich begleitet. Ohne sie würden wir nicht mehr „heimfinden“. Der verborgene, göttliche Funke in uns begleitet uns auf unserer Reise durch die Trennungswelten. Parallel werden wir durch Liebe und Mitgefühl der vorangegangenen Schüler und Lehrer auf dem Weg unterstützt. Und zunehmend entwickeln wir auch Liebe und Mitgefühl für uns selbst und die anderen auf dem Weg. Gott liebt uns sowieso die ganze Zeit. Wenn wir dies dauerhaft in uns wissen, spüren und ausdrücken, mit den beiden Ebenen aktiv arbeiten können, sind wir dem Ziel, die Illusion zu erkennen und zu überwinden einen großen Schritt näher gekommen.

  • #2

    Ruth Finder (Dienstag, 13 Februar 2018 09:24)

    "Weil wir es hier mit zwei Ebenen zu tun haben, die beide – in gewisser Hinsicht real sind." (Maria)
    Oh, wie schön die Worte (und die Ausführungen dazu) sind! Rabbi Sussja lässt grüßen. ^^

    Es gibt Gut und Böse.
    Und es gibt nur Liebe.

    Hier: Es gibt Leid verursachende widrige Umstände
    Und sie sind alle zu unseren Gunsten.

    Zu erkennen, dass es überall gleichzeitig zwei sich nur scheinbar ausschließende Wahrheiten gibt, ist ein Befreiungsschlag.
    Nicht in einer Ebene stecken zu bleiben, die "Werkzeuge" erwerben und sie benutzen, um auch auf die andere Ebene zu kommen, ist die Weg-Arbeit.

  • #3

    Maria (Mittwoch, 14 Februar 2018 16:24)

    Nach einer schlafarmen Nacht (zu viel grüner Tee – oder es lag an der blasphemischen Dinkel-Mandel-Milch drin :-)) ist mir noch folgendes eingefallen:

    Das Ablegen und Erkennen der Illusion ähnelt dem Reifeprozess einer Frucht, z.B. eines Apfels. Alles gehört zum Apfel dazu, das Wachstum des Baumes aus einem Apfelkern bis hin zur Blüte, Reifen und Ernten der Frucht. Komplexer betrachtet, fließen dann auch die weiteren Rahmenbedingungen mit ein, die über den Baum hinausragen bzw. in die der Baum hineinragen wie Erde, Sonne, Regen etc. Das Reifen des Apfels von der Blüte bis zur Ernte vollzieht sich nicht auf einen Schlag. So verhält es sich auch mit dem Überwinden der Illusion. Es reicht nicht, die Illusion einmal zu erkennen, damit man sie überwunden hat. Es ist auf verschiedenen Ebenen ein fortwährendes Erkennen, Überwinden und Werden. Ein der Illusion entwachsen hinein in etwas Neues, aber auf Basis der jeweiligen Illusion. Und das schwierige an dieser Illusion ist, dass man sich weiterhin mit ihr verwechseln kann, solange nicht ein gewisser Punkt der Entwicklung vollzogen ist. Es fällt schwer, sie abzulegen, weil man die Illusion auch noch ist. D.h., dass auch über längere Strecken das Erkennen und Ersetzen unheilsamer Elementale sich wie ein kleiner Tod, ein sterbender Sohn anfühlt, da wir uns mit unserer Elementalmischung identifizieren, sie viele Inkarnationen lang immer wieder vitalisiert haben (sozusagen gestillt, sie kamen wie hungrige Kinder zu uns). Nicht umsonst ist eine grundsätzliche spirituelle Frage: „Wer bin ich?“ Weil sie auf das Erkennen dieses grundlegenden Sachverhalts dieser Übung abzielt: Zu überlegen, wer und was man wirklich ist. Und anzufangen, daran zu arbeiten, wirklich zu werden.