Perfektionsglaube und Ich-Identifikation

 

“Ne personne est parfait“

“Die Wahrheit ist laut Hegel das Ganze. Aber wer vermag schon das Ganze zu erkennen.“

(Michael Conrad)

 

 


Frage: Warum übt ein Erleuchteter ?

Antwort: Weil er erleuchtet ist !

Der Erleuchtete ist sich seiner Fehlerhaftigkeit gewahr und mit ihr ausgesöhnt, während der ich-identifizierende Mensch einem illusionären, größenwahnsinnigen Perfektionsideal hinterhereifert und dieses auf von sich selbst-erdachten Vollkommenheitsidealen (Buddha, Christus, Kommunismus, Übermensch etc.) projiziert. Der ich-identifizierenden Persönlichkeit ist das Unvollkommene, das Fragmentarische, das Provisorische der Problem-und-Konfliktlösungen im Leben in der Welt der Erscheinungen selten bewusst. Stattdessen ist der ich-verhaftete Mensch mit vermeintlichen Ewigkeitslösungen beschäftigt, die allzu häufig mit moralischen Zeigefinger und autoritären Methoden angezielt werden. Dies beginnt in der Erziehung und endet in der Politik. Die Perfektion ist lebensfremd, während das Fragmentarische und Vorübergehende lebensnah ist. Dies spricht keinesfalls gegen eine allgemeingültige Richtigkeit der Lösung, sofern man bereit ist, das Prinzipielle verbunden mit einem Absolutheitsanspruch aufzugeben. Die ich-verhaftete Persönlichkeit ist zu häufig und zu starr auf das Prinzipielle und Perfekte orientiert, woraus sich eine ausgesprochene Fehlerunfreundlichkeit ergibt, die wiederum den fehlenden Menschen mit sich hadern lässt. Die Menschen, inklusive der Erleuchteten oder spirituellen Meister, sind Fehlerwesen, die im unterschiedlichen Grade mit Gebrechen, leiblichen Mängeln, mangelnden Verstandes- und Charaktertugenden, Neurosen, Bindungsproblematiken, schlechten Gewohnheiten etc. behaftet sind.     

Darüber hinaus begeht jeder Mensch alltägliche Fehler und Irrtümer, weil er Menschen falsch einschätzt, den größeren Kontext nicht erkennt. Der Mensch kann seine Fehlerhaftigkeit und sein Scheitern nur deshalb wahrnehmen, weil er sich an Idealen wie gänzliche Wohlgestalt, charakterliche Vorzüglichkeit und seelische Unversehrtheit orientiert.

Realistisch und gründlich betrachtet sind alle Menschen Abweichler vom Perfekten, Fehlerfreien und Vollendeten. Der erleuchtete Mensch erkennt dies auf einer tieferen Ebene und schließt seinen Seelenfrieden mit diesem Umstand, ohne dabei in Lethargie zu verfallen, sondern arbeitet an sich weiter, ohne dabei einem erträumten Ideal verfallen zu sein.

Er übt und macht von sich kein Bild. Der ich-identifizierende Mensch haftet weiterhin seinem Perfektionsideal an und will ihm gerecht werden, weil er sich nicht akzeptieren kann, wie er nun mal ist. Es mangelt ihm an Selbstannahme. Nur wenn er seine Ziele erreicht, glaubt er sich in seiner individuellen Art und Ausprägung annehmen zu können. Das Vollkommenheitsideal ist letztlich die Kopfgeburt einer sich selbst gegenüber verweigerten Annahme. Das Empfinden eines inneren Minuszustandes treibt zum Erreichen eines Pluszustandes an. Konkret bedeutet dies, dass der ich-identifizierende Mensch seine Minderwertigkeitsgefühle versucht, durch Überkompensation (Geltungsstreben) auszugleichen. Der Fehler der Alltagspersönlichkeit besteht in der Vorstellung, zu glauben, dass das Leben rundum gelingen und gelebt werden kann, so dass uns nichts mehr mangelt. Von dieser Sehnsucht lebt die Werbung, der Glaube an religiöse, spirituelle und politische Ideale, die nur Traumvorstellungen der ich-identifizierenden Persönlichkeit sind. Der ich-verhaftete Mensch lebt allzu oft nach der realitätsfremden Illusion-Ignoranz-Methode. Er geht den Pfad der Ich-Täuschung, der äußeren Verleugnung der Wirklichkeit und den Weg der inneren Verdrängung, da er auf Vollkommenheit und aufs Prinzipielle fixiert ist. Trotz aller neu auftretenden Fehlleistungen glaubt und hofft er, er könnte seine Probleme z.B. mit Technik, Geld, Gewalt, Religion, Spiritualität, Wissenschaft, Sport, Astrologie usw. lösen. Die Schwäche des  Menschenhirns gegenüber dem dialektischen Lebensprozess wird z.B. durch den Abwehrmechanismus der Projektion erkennbar. Der ich-identifizierende Mensch versucht seine Seelenpein, die durch seine Perfektionsillusion und das Gefühl des Versagens entsteht, zu verringern, indem er sein Misslingen den Mängeln seiner Mitmenschen zuschiebt. Dadurch ist alles Fehlerhafte, welches seinen Trugbildern und seinen Defiziten geschuldet ist, in seiner Wahrnehmung immer durch die Mitmenschen, durch die Umstände oder durch die Institutionen verursacht.

Der religiöse, politische oder philosophische Glaube an den neuen Menschen ist ein irriger, da er das stigmatisierte Menschendasein, d.h. das Beschädigtsein eines jeden Menschen, als auch seine Fehlerhaftigkeit im alltäglichen Leben überspringen möchte. Der Mensch bleibt in Maya, der Welt der Erscheinungen als äußere Inkarnation, welchen den göttlichen Funken  in sich beherbergt, ein Mängelwesen. Vollkommen wird er erst bei der Theosis, bei seiner Heimreise. Vollkommen wird er nur dann, wenn er zum ununterscheidbaren Teil des Größeren wird.

Die Erleuchtung in der Welt der Erscheinung kommt einer Annahme  seiner inkarnierten Unzulänglichkeit gleich, die dann erlaubt nach der Versuch-Irrtum-Methode zu leben, die nach Ernst Poppers Worten bedeutet, zu planen, zu probieren und nach dem Bemerken der Fehler zur Berichtigung bereit zu sein, um in ähnlichen Situationen vorausschauend alte Fehler auszuschließen. Das Leben ist dann in einem dialektischen Ausbalancieren zwischen einem realen Istwert und einem idealen Sollwert, ohne an Perfektion zu glauben.

 

(Michael Conrad)

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Gabriel (Sonntag, 11 Februar 2018 14:34)

    Chapeau, Michel! ^^