Thogme 37.18

18. Und wenn ihr noch so arm, von Menschen stets verachtet seid, von schwerer Krankheit befallen, dennoch die Leiden aller Wesen auf euch zu nehmen ist die Übung der Bodhisattvas.

Das deute ich als einen Hinweis auf die drei Säulen des spirituellen Lebens. Unabhängig von den Bedingungen, unter denen wir leben, und seien sie noch so schwierig, üben Weg-Arbeiter, SEINE Liebe widerzuspiegeln. Wenn man erfüllt von dieser Liebe ist, dann ist der größte Wunsch den man hat, dass es Anderen gutgehen möge und dass man bereit ist, dafür alles zu tun, was man kann. Und auch zu unterlassen, was Anderen Leid und Schaden zufügt, auch wenn es eigenes materielles Leid bedeuten sollte. Ich denke da an Tierversuche für die Medizin, Arbeitsstellen in schädlich agierenden Unternehmen, Kaufen von Konsumgütern, die unter schlimmen Bedingungen für Mensch, Tier und Natur hergestellt werden usw. Stets immer weniger Leid zu verursachen ist die Übung der Weg-Arbeiter

 

(Ruth Gabriel)

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Kommentare: 3
  • #1

    Ruth Finder (Donnerstag, 08 Februar 2018 16:54)

    zu "Und wenn ihr ..., von Menschen stets verachtet seid, ... , dennoch die Leiden aller Wesen auf euch zu nehmen ist die Übung der Bodhisattvas."

    Wohltun

    Durch das Dorf, in dem Rabbi Mosche von Kobryn, als er noch ein Kind war, mit seinen Eltern wohnte, zogen einst täglich Scharen Bedürftiger, die einer Hungersnot in Litauen entkommen wollten. Seine Mutter mahlte Korn auf einer Handmühle und buk an jedem Morgen Brot, um es unter den hungernden Menschen auszuteilen. An einem Tag kamen viel mehr Leute als sonst in den Dorf. Das Brot reichte nicht für alle, aber der Ofen war geheizt und Teig lag in den Schüsseln. Eilig nahm Mosches Mutter davon, knetete die Laibe zurecht und schob sie in den Ofen. Die Hungrigen jedoch brummten, weil sie warten mussten, und etliche Freche unter ihnen verstiegen sich zu Scheltworten und Flüchen. Darüber brach die arme Frau in Tränen aus.

    "Weine nicht, Mutter", sagte der Knabe, "tue nur deine Arbeit und lass sie fluchen und erfülle Gottes Aufgabe! Vielleicht, wenn sie dich lobten und segneten, wäre sie wenig erfüllt."

  • #2

    Maria (Samstag, 10 Februar 2018 19:33)

    Die Übungen 18 und 19 beschreiben spezifische Rahmenbedingungen, die mit unterschiedlichen Entwicklungsanforderungen und Übungsmöglichkeiten einhergehen. Wenn man arm, krank, ungeliebt oder gar mit Verachtung anderer leben muss, machen uns diese leidvollen Erfahrungen nicht automatisch zu einem besseren Menschen. Ganz im Gegenteil, es ist sogar sehr schwer, gerade dann eine heilsame Gegenbewegung, richtiges Verhalten zu kultivieren. Diese schwierigen Rahmenbedingungen verengen meist den eigenen Blickwinkel, da sie ganz zentrale menschliche Grundbedürfnisse treffen, wie geliebt und positiv wahrgenommen zu werden, heil zu sein, teilzuhaben am Leben. Es ist schwer, sich davon zu distanzieren und den Blick zu weiten, sich nicht mit dem materiellen Körper, Schmerzen, fehlender Bedürfnisbefriedigung, Hunger oder fehlender Liebe und Anerkennung zu identifizieren. Und dann einen Schritt darüber hinaus zu gehen und noch die Leiden und Probleme anderer Menschen auf sich zu nehmen, erfordert schon sehr viel Willen, Mut und Erkennen. Für diese Übung des Boddhisattva fehlt auf weltlicher Ebene, vermutlich sogar oft im spirituellen Bereich, das Verständnis und die Motivation. Kennt doch wahrscheinlich jeder Gefühle oder Gedanken, wie „das kann ich jetzt nicht auch noch übernehmen, wo ich doch mit meinen eigenen Problemen schon genug zu tun habe“. Oder dieses innere Sträuben der AP gegen die Vorstellung, für andere etwas zu tun, wenn es einem gerade nicht so passt. Oder nach dem Motto: Erleuchtung sofort und mir zuerst. Eine Sichtweise, die sich auch im Zuge der Weg-Arbeit in vielen Facetten lange noch hinter sogar positiv aussehendem Tun und Wirken verstecken kann. Im Buddhismus gilt deswegen die Praxis zur Entwicklung von Liebender Güte und Mitgefühl als ein Königsweg zur Erleuchtung.

    Eine solche Methode ist Tonglen. Pema Chödron schreibt dazu: „„Alle fühlenden Wesen ohne Ausnahme besitzen Bodhichitta, also die angeborene Zartheit des Herzens, seine natürliche Neigung, zu lieben und sich um andere zu kümmern. Um uns gegen die Erfahrung von Schmerz und Unbehagen abzuschirmen, haben wir jedoch im Laufe der Zeit massive Barrieren aufgebaut, die unsere Zartheit und Verletzlichkeit überdecken. Das führt dazu, daß wir oft der Entfremdung, Wut und Aggressivität anheimfallen und uns der Sinn des Lebens abhandenkommt – sowohl auf der individuellen als auch auf der globalen Ebene.
    Tonglen oder „sich selbst an die Stelle eines anderen zu versetzen“ ist eine Praxis zur Entwicklung von Liebe und Mitgefühl. Das tibetische Wort tonglen bedeutet wörtlich „geben und nehmen“ oder „aussenden und aufnehmen“. Damit ist gemeint, daß wir bereit sind, unser eigenes Leiden und unsere Schmerzen sowie die von anderen aufzunehmen und Glück zu uns selbst und allen anderen auszusenden. Tonglen oder die Übung des Aussendens und Empfangens kehrt diesen Prozeß der Verhärtung und Abschottung (AP vom HS) um, indem es Liebe und Mitgefühl kultiviert. Statt vor Schmerz und Unbehagen davonzulaufen, nehmen wir sie in der Praxis des Tonglen voll und ganz zur Kenntnis und machen sie uns ganz zu eigen. Statt ständig auf unseren eigenen Problemen herumzureiten, versetzen wir uns in die Situation anderer Menschen und würdigen unsere gemeinsame Teilhabe am Menschsein. Dann beginnen die Barrieren zu schmelzen, und unser Herz und Geist fangen an, sich zu öffnen.“

    D.h. es geht um bei dieser Übung des Boddhisattvas darum, 1. sein Joch aufzunehmen, ob es gut ist (Reichtum, Anerkennung) oder nicht (Armut, Krankheit, Verachtung) und nicht damit zu hadern, es nicht innerhalb der AP zu bekämpfen und uns auch nicht darauf auszuruhen. 2. Zu erkennen, dass unser eigenes Leiden nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Meer des Leidens aller Wesen ist. 3. Die Trennung zwischen uns und anderen, die sich auf der relativen Ebene durch die Existenz in getrennten materiellen Körpern zeigt, als relativ und nur auf einer Ebene, der grobstofflichsten, zu erkennen. 4. Die mit der grobstofflichen Trennung einhergehende Illusion der Trennung aller Wesen (und Trennung von Gott) und der daraus entwickelten Egoifizierung zu erkennen und diese aktiv zu überwinden. Die übliche egobezogene Haltung "Alles Gute möchte ich, alles Unangenehme will ich nicht" zu transormieren in eine liebevolle und wohlwollende Haltung sich selbst und allen anderen gegenüber.

  • #3

    Ruth Finder (Samstag, 10 Februar 2018 20:47)

    Eine gute Analyse von Maria, wie so oft.