Ein Fund

Es zogen viele Pilger durch Schargorod. Seltener auch Gojim, die dem Nazarener anhingen. Eines Tages fand Perle bei ihrem Rückkehr vom Wochenmarkt nach Hause am Wegesrande eines ihrer dem Tanach nachgestellten "Neuen Testamente". Jemand hat es vergessen oder vielleicht absichtlich liegen lassen. Perle schaute um sich, keiner war da. Sie hob das durch häufigen Gebrauch arg abgenutzte Büchlein hoch und schlug es auf irgendeiner Seite auf. Ihr Blick fiel auf eine Zeile: "...Und führe uns nicht in Versuchung!" Sie dachte kurz über etwas nach, schlug dann das Druckwerk zu und legte es vorsichtig wieder dorthin, wo sie es gefunden hatte.

Nach Hause angekommen, erzählte sie ihrem Mann das Geschehene und fragte ihn: "Gott, unser Vater, ist doch kein hinterlistiger Versucher, der uns zur Sünde verführt. Wäre es nicht gerechter, zu Ihm zu beten: 'Unser Erbarmer! Lass uns nicht in Versuchung geraten!'"

Der Rabbi freute sich über das Gefragte und antwortete Perle bereitwillig so: "Deine Bedenken sind richtig, aber der Allmächtige ist auch kein übereifriger Beschützer unsereiner. Sonst könnten wir alle wie Engellein gleich bei ihm bleiben. Wir sollen aber Erfahrungen sammeln. Er will, dass wir hier auf Erden lernen!"

Dann schloss Rabbi Jakov seine Augen und betete leise: "Gütiger Vater! Ich bitte Dich, steh mir angesichts der Versuchungen bei! Vater, lass mich sehen, lass mich erkennen! Lass mich in Dein Licht treten! Hilf mir auf meinem Wege zu Dir! Ich möchte Deiner würdig sein! Lieber Vater, erbarme Dich meiner!"

Viele Jahre später entdeckte man im Perles Nachlass einen kleinen Zettel. In ihrer feinen Handschrift niedergeschrieben konnte man darin dieses Gebet lesen.

(Ruth Finder)

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