Thogme 37.02

"Zuneigung und Anhaftung gegenüber Freunden entstehen spontan und ohne Anstrengung, so wie Wasser den Berg hinabfließt. Abneigung und Haß gegenüber Feinden lodern wie Feuer. Von der Finsternis der Unwissenheit umhüllt, vergesst ihr, was anzunehmen und was zu verwerfen ist. Das Heimatland aufzugeben ist die Praxis der Bodhisattvas."

Aus meiner Sicht geht es hier unter anderem darum, dass wir durch einen Mangel an Wissen leicht verführbar für das "Gute" und das "Schlechte" sind. Das wiederum wird zur Gewohnheit, zum Charakterzug, zu eigener Wirklichkeit - wir können das oft nicht mehr abstellen (schwierig wie bei "den Berg hinabfließendem Wasser" oder bei dem "lodernden Feuer"). Durch dieses Anhaften - das auch letztendlich Nicht-wissen-wollen impliziert, weil anstrengend und unbequem - verengen sich unsere Möglichkeiten, herauszufinden, was für unsere Entwicklung und unseren Fortschritt notwendig wäre. Also diese so funktionierende "Wirklichkeit", die zu unserem "Heimatland" geworden ist, in Frage zu stellen, wäre schon ein guter Anfang.

(Ruth Finder)

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Kommentare: 1
  • #1

    Clemens (Mittwoch, 31 Januar 2018 14:59)

    "Das Heimatland aufgeben" bedeutet hier, die Positionierung in der Welt aufgeben. Die Abgrenzungen und Einschließungen aufgeben. Im Weitesten: Zuneigung und Anhaftung ebenso wie Abneigung und Hass generell und allem gegenüber aufgeben. Im übertragenen Sinne auch die Aufgabe der Umhüllung durch die Finsternis der Unwissenheit, die uns Anzunehmendes wie zu Verwerfendes nicht erkennen lässt.

    Eng an der Vorstellung von der Vergänglichkeit aller Dinge orientiert könnte man Thogme so verstehen, dass Freundschaft wie Feindschaft zu überwinden seinen. Wir würden den Spruch unterm Strich aber eher so verstehen, dass wir nach und nach allen und allem gegenüber eine freundschaftliche Haltung kultivieren, bis in jeder Situation anhaftungsfreie Zuneigung spontan und ohne Anstrengung entsteht. Platz für Abneigung und Hass würde dann keiner mehr bleiben.