Thogme 37.01

Okay, gehen wir die Gelübde systematisch der Reihenfolge nach an - mit jeweils einer von verschiedenen möglichen Überlegungen zu den einzelnen Übungen. Man könnte es auch "Kommentare" nennen. Das passt zur Tradition.

 

1. Nun, da ihr den kostbaren Menschenkörper, das Floß, das so schwer zu finden ist, erlangt habt, um euch selbst und die anderen über den Ozean von Samsara zu setzen, bemüht euch unablässig - Tag und Nacht - im Hören, Nachdenken und Meditieren. Dies ist die Übung der Bodhisattvas.

 

Zur Klärung des Begriffes "Bodhisattva". Wenn wir uns an der Wikipedia orientieren, dann sehen wir, dass dort keine große Klarheit herrscht. Wahrscheinlich auch, weil die verschiedenen Schulen unterschiedliche Gewichtungen der verschiedenen Arten von "Erleuchteten" vertreten.

 

Als Einstieg könnte man sagen, dass neben dem "Buddha" noch drei Erleuchtungswesenstypen existieren: Arhat, Pratyekabuddha und Bodhisattva.

 

Der Arhat entspricht dem Ideal der alten buddhistischen Schulen (in der alten Zeit - heute sieht die einzige noch existierende alte Schule das teilweise anders). Er hat in der Nachfolge (der Lehren) eines Buddhas ebenfalls Erleuchtung erlangt und geht nach seinen Tod ins Nirvana ein. Bis dahin lehrt er andere Suchende die von ihm gelernten und erfahrenen Lehren.

 

Der Pratyekabuddha hat eigenständig ohne Anleitung durch einen Buddha Erleuchtung erlangt und geht - ohne irgendwelche Lehren formuliert und weitergegeben zu haben - nach seinem Tod ins Nirvana ein. Andere meinen, er sei Lehren gefolgt, lehre sie aber selbst niemandem.

 

Der Bodhisattva stellt seinen Wunsch nach dem Nirvana hinter den Wunsch zurück, allen Wesen vorher Erleuchtung zuteil werden zu lassen bzw. sie auf ihrem Wege dorthin anzuleiten. Bezüglich seiner Rangposition zu Arhat und Pratyekabuddha gibt es unterschiedliche Bewertungen. Von "er wird in der nächsten Inkarnation Buddhaschaft erlangen" (was ihn etwas niedriger stellt als die anderen beiden Erleuchtungswesenstypen), bis zur Aussage, dass die Arhatschaft Grundlage der folgenden zehn Bodhisattvastufen sei, ist einiges zu lesen. Es klingt teilweise sogar so, als sei ein Schüler, der für sich die Bodhisattvagelübde annimmt, schon ein Bodhisattva. Das halte ich jedoch für falsch gesehen. Dieser Schüler arbeitet daran, Bodhicitta (Erleuchtungsgeist) als Haltung (Ausrichtung) in sich zu verwirklichen und dann zum Seinszustand zu machen. Damit scheint mir der Weg zum Bodhisattva aber noch lange nicht abgeschlossen.

 

Interessant übrigens bei der unterschiedlichen Bewertung der verschiedenen Erleuchtungswesen: Wenn der Bodhisattva das höchste Ideal ist - was aus den alten Texten übrigens nicht hervorgeht... Buddha hat in den ältesten Texten nicht von Bodhisattvas gesprochen - dann wäre ja die Frage berechtigt, warum der Buddha denn nicht dem Bodhisattvaideal entsprochen hat und statt dessen ins Nirvana eingetreten ist?

 

Die buddhistischen Schulen lösen die Frage scheinbar durch die Aussage, der Buddha sei vor seiner Inkarnation mit der krönenden Buddhaschaft ein Bodhisattva gewesen. Aber dann hätte er es doch durchziehen müssen, bis alle Wesen Erleuchtung erlangt hätten, oder? Buddha - ein Drückeberger? So fällt die etwas demagogische Kritik der Mahayanisten an den Arhats letztlich auf ihren eigenen Buddha zurück. So läuft es häufig in der Welt, wenn man genau hinschaut.

 

Thogme betont in "1" die Kostbarkeit der menschlichen Inkarnation. Ich sehe dies positiv genommen als Motivationshilfe für Unentschlossene (halte es aber für inhaltlich vom Gesamtbild her falsch - Kostbarkeit ergibt sich aus anderen Sachverhalten). Wenn wir dann noch die anderen Existenzformen ins Auge nehmen, die anklingen, dann sind vor allem die unangenehmen Inkarnationen (z.B. Tiere, Höllenwesen, Hungergeister) negativ gesehen auch durchaus als "kirchliche" Drohungen zu verstehen. Im spirituellen Kontext absolut unwürdig! Trotzdem darf man hier noch unterscheiden: Im christlichen Kontext ist die Hölle in der Regel als andauernde, ewige Bestrafung gesehen und angedroht worden. Im Buddhismus ist die Hölle temporär.

 

Thogmes unablässige Bemühung - Tag und Nacht - im Hören, Nachdenken und Meditieren entspricht ganz dem christlichen "lectio, meditatio, contemplatio" als spirituellem Weg.

 

Interessant in allen 37 Texten: Bis auf zweimal spricht Thogme von "Übung der Bodhisattvas" (zweimal spricht er von "Praxis der Bodhisattvas" - was auch an der Übersetzung liegen kann). "Übung" impliziert ja auch einen nicht-abgeschlossenen Weg zu irgendeinem Endzustand. Logisch auch bezogen auf mögliche Bodhisattva-Stufen. Ich lese darin vor allem, dass auch die entwickeltsten Meister weiterhin praktizieren/üben.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Finder (Sonntag, 28 Januar 2018 14:18)

    Folgendes drängt ^^ sich mir auf:

    Wenn man die spezifische Sichtweise auf die mögliche Inkarnationen außen vor lässt, könnte man sagen, dass der menschliche Körper (die menschliche Existenz) deswegen als kostbar angesehen wird, weil der Mensch als Ganzes gesehen die ERKENNTNISFÄHIGKEIT besitzt. Jeder hat diese Gabe! Die muss man aber fördern, üben und praktizieren, indem man aufnehmend hört, nachdenkt und meditiert.

    Selbstverständlich sind das Oberbegriffe für vielfältige andere geistigen Fähigkeiten (z.B. Nachdenken: Reflektion, unterscheidender Verstand, Herstellung der Zusammenhänge usw.). Der bewusste Weg zur Weisheit beginnt mit der Erkenntnis dieser Tatsachen. Deswegen diese primäre Stellung in Thogmes Gelübden und in allen anderen spirituellen Schulen.