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Die 37 Übungen der Bodhisattvas von Gyalse Thogme Zangpo (1297-1371)

Vor ihm, der alleine zum Wohl der Wesen unablässig arbeitet, obgleich er sieht, daß alle Erscheinungen weder Kommen noch Gehen besitzen, vor dem unübertrefflichen Guru und Beschützer Chenresig verbeuge ich mich in Hingabe und tiefem Respekt mit Körper, Rede und Geist.

Die Quelle allen Wohlergehens und aller Freude, die vollkommenen Buddhas, sind hervorgegangen aus der Verwirklichung der Edlen Lehre. Und da diese auf Kenntnis der Übung im Dharma beruht, will ich die Übungen der Bodhisattvas hier erklären:

1.
Nun, da ihr den kostbaren Menschenkörper, das Floß, das so schwer zu finden ist, erlangt habt,
um euch selbst und die anderen über den Ozean von Samsara zu setzen, bemüht euch unablässig - Tag und Nacht - im Hören, Nachdenken und Meditieren. Dies ist die Übung der Bodhisattvas.

2.
Zuneigung und Anhaftung gegenüber Freunden entstehen spontan und ohne Anstrengung, so wie Wasser den Berg hinabfließt. Abneigung und Haß gegenüber Feinden lodern wie Feuer. Von der Finsternis der Unwissenheit umhüllt, vergesst ihr, was anzunehmen und was zu verwerfen ist. Das Heimatland aufzugeben ist die Praxis der Bodhisattvas.

3.
Gebt ihr schlechte Plätze auf, nehmen die störenden Gefühle nach und nach ab. Gänzlich frei von Ablenkung vermehrt sich Heilsames spontan. Durch geistige Klarheit entsteht Vertrauen in den Dharma. Sich auf Einsamkeit zu verlassen ist die Praxis der Bodhisattvas.

4.
Bedenkt: von geliebten Freunden, mit denen ihr lange euer Leben geteilt habt, werdet ihr getrennt. Reichtum und Besitztümer, unter Mühen erworben, werden zurückbleiben. Das Bewußtsein verläßt den Körper, in dem es zu Gast war. Das Anhaften an dieses Leben aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.

5.
Durch schlechte Gesellschaft vermehren sich die drei Gifte und Hören, Nachdenken und Meditation werden verfallen. Liebe und Mitgefühl werden zugrunde gerichtet. Schlechte Gesellschaft zu meiden ist die Übung der Bodhisattvas.

6.
Wenn man sich dem spirituellen Freund anvertraut, schwinden die Übel, und gute Eigenschaften wachsen wie der zunehmende Mond. Den wahren spirituellen Freund mehr zu schätzen als selbst den eigenen Körper ist die Übung der Bodhisattvas.

7.
Wie können weltliche Götter, die selbst in den Gefängnismauern von Samsara gebunden sind, euch retten? Sich in den Schutz der drei Juwelen, die nicht trügen, zu begeben, ist die Übung der Bodhisattvas.

8.
Der Erhabene lehrte, daß die Leiden der niederen Bereiche schier unerträglich und die Frucht übler Handlungen sind. Niemals üble Taten zu begehen, selbst wenn es das eigene Leben kostet, ist die Übung der Bodhisattvas.

9.
Das Glück der Drei Welten gleicht dem Tautropfen auf der Spitze eines Grashalms. Ein flüchtiger Augenblick nur, und es ist vergangen. Nach der höchsten Stufe der Befreiung zu streben, die unvergänglich ist, ist die Übung der Bodhisattvas.

10.
Wenn eure Mütter leiden, die seit anfangloser Zeit so gütig zu euch waren, was ist dann mit dem eigenen Glück erreicht? Deshalb, um unzählige Wesen von Leiden zu befreien, den Bodhicitageist zu erzeugen, ist die Übung der Bodhisattvas.

11.
Alles Leid - ohne Ausnahme - entspringt dem Wunsch nach eigenem Glück. Aus der Geisteshaltung, die auf das Wohl der anderen ausgerichtet ist, entsteht vollkommene Buddhaschaft. Eigenes Glück vollkommen einzutauschen gegen das Leid der Anderen ist die Übung der Bodhisattvas.

12.
Jenen, die aus großer Gier euch aller Habe berauben oder andere zum Stehlen veranlassen, euren Körper, euren Besitz und die Tugenden der drei Zeiten zu schenken ist die Übung der  Bodhisattvas.

13.
Auch wenn man euch den Kopf abschlägt, obwohl ihr schuldlos seid, durch die Macht des Mitgefühls alle Sünden auf euch zu nehmen ist die Übung der Bodhisattvas.

14.
Und wenn euch jemand auf alle Arten herabsetzt und verleumdet, daß es durch dreitausend Welten schallt, mit dem Herz voller Liebe als Antwort seine positiven Qualitäten hervorzuheben ist die Übung der Bodhisattvas.

15.
Sollte euch jemand vor allen Leuten bloßstellen, eure Fehler breittreten und schlecht über euch reden, dieses Wesen als spirituellen Freund zu betrachten und sich vor ihm zu verneigen ist die Übung der Bodhisattvas.

16.
Wenn jemand, den ihr wie euer eigenes Kind umsorgt und behütet habt, euch dennoch wie einen Feind behandelt, ihm besondere Zuwendung zu schenken, wie eine Mutter ihrem erkrankten Kind, ist die Übung der Bodhisattvas.

17.
Wenn jemand, von gleichem oder niedrigerem Stand, von Stolz getrieben euch herabsetzen will, ihm Respekt zu erweisen wie dem eigenen Guru ist die Übung der Bodhisattvas.

18.
Und wenn ihr noch so arm, von Menschen stets verachtet seid, von schwerer Krankheit befallen, dennoch die Leiden aller Wesen auf euch zu nehmen ist die Übung der Bodhisattvas.

19.
Auch wenn ihr sehr berühmt seid, viele euch verehren und ihr so viele Schätze erworben habt wie der Gott des Reichtums, zu bedenken, dass alle Reichtümer dieser Welt ohne Essenz sind und daher nicht arrogant zu sein ist die Übung der Bodhisattvas

20.
Solange ihr euren inneren Feind, den Haß, nicht überwunden habt, werden eure äußeren Feinde - auch wenn ihr sie besiegt - sich immer wieder erheben. Den eigenen Geist daher mit der ganzen Macht von Liebe und Mitgefühl zu zähmen ist die Übung der Bodhisattvas.

21.
Die Gegenstände des Verlangens gleichen salzigem Wasser: je mehr ihr davon trinkt, um so stärker wird euer Verlangen danach. Was auch immer Bindung erzeugt aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.

22.
Was immer euch erscheint, ist euer eigener Geist. Der Geist selbst ist von jeher frei von begrifflichen Abgrenzungen. Dies zu erkennen und den Geist freizuhalten von dualistischem Denken ist die Übung der Bodhisattvas.

23.
Wenn euch etwas gefällt, betrachtet es wie den Regenbogen zur Sommerzeit: schön und dennoch unwirklich. Daher Verlangen und Anhaften aufzugeben ist die Übung der Bodhisatttvas.

24.
Die verschiedenen Leiden gleichen dem Sterben eines Sohnes im Traum. Ihr habt euch durch Verstrickung in die täuschenden Erscheinungen, die ihr für Wirklichkeit hieltet, erschöpft. Widrige Umstände daher als Illusionen zu betrachten ist die Übung der Bodhisattvas.

25.
Wenn jemand, der Erleuchtung wünscht, sogar den eigenen Körper aufgeben muß, gibt es noch einen Grund, äußere Objekte zu erwähnen? Freigiebig ohne Hoffnung auf Lohn oder karmische Frucht zu sein ist die Übung der Bodhisattvas.

26.
Wenn ihr aufgrund des Fehlens von Disziplin nicht einmal euer eigenes Wohl bewirken könnt, ist der Wunsch, das Wohl anderer zu erwirken, zum Lachen. Daher, Disziplin zu bewahren die frei von weltlichem Streben ist ist die Übung der Bodhisattvas.

27.
Für einen Bodhisattva, der den Reichtum guter Handlungen anzusammeln wünscht, gleichen alle die ihm schaden einem kostbaren Schatz. Daher frei von Abneigung und Haß Geduld zu üben ist die Übung der Bodhisattvas.

28.
Wenn ihr seht, daß selbst die Shravakas und Pratyekabuddhas, die nur nach ihrem eigenen Wohl streben, sich anstrengen, als gelte es, ein Feuer auf ihrem Haupt zu löschen, werdet ihr die Anstrengung zum Wohle der Anderen - die Quelle aller guten Eigenschaften - hervorbringen. Dies ist die Übung der Bodhisattvas.

29.
Wenn ihr gelernt habe durch Vipashyana (lag-thong), fest gegründet auf Shamatha (shi-nä), die Geistesgifte zu bezwingen, euch in meditativer Sammlung zu üben, die jenseits der „vier formlosen Stufen“ ist ist die Übung der Bodhisattvas.

30.
Da ohne unterscheidende Weisheit (sherab) - durch die fünf Paramitas allein - vollkommene Erleuchtung nicht erlangt werden kann, über jene Weisheit zu meditieren, die die wirksamen Methoden beinhaltet und die drei Aspekte (kor-sum) nicht erdenkt ist die Übung der Bodhisattvas.

31.
Wenn ihr euch nicht die eigene Verwirrung vor Augen führt, lauft ihr Gefahr, den Dharma nur  äußerlich zu praktizieren. Deshalb ständig die eigenen Fehler zu beleuchten und dann aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.

32.
Wenn ihr unter dem mächtigen Einfluß der Geistesgifte über die Fehler anderer Bodhisattvas sprecht, schädigt ihr euch und andere. Nicht schlecht über jene zu sprechen, die den Mahayanapfad betreten haben, ist die Übung der Bodhisattvas.

33.
Um des Gewinns und der Achtung willen streitet man untereinander und die Übung von Hören,
Nachdenken und Meditieren wird vernachlässigt. Die Bindung an Haus, Wohltäter, Freunde und Verwandte aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.

34.
Durch harte Worte verletzt ihr die Gefühle anderer und das Bodhisattva-Verhalten verfällt. Verletzende und unangenehme Worte aufzugeben ist die Übung der Bodhisattvas.

35.
Wenn ihr euch erst an die Geistesgifte gewöhnt habt, fällt es schwer, sie durch Gegenmittel zu bezwingen. Deshalb mit Achtsamkeit und Gewahrsein das Schwert der Gegengifte zu erheben und die Geistesgifte, im Moment ihres Auftauchens, zu bezwingen ist die Übung der Bodhisattvas.

36.
Kurzum, wo immer ihr auch seid, was immer ihr tut, euch zu fragen, wie der Zustand eures Geistes ist, ständig achtsam und bewusst zu sein und zum Wohle der Anderen zu arbeiten ist die Übung der Bodhisattvas.

37.
Die Tugenden, die ihr auf diese Weise durch euer Streben erworben habt, mit jener Weisheit, die makellos die drei Aspekte begreift, der Erleuchtung zu widmen, um unzählige Wesen vom Leiden zu befreien, ist die Übung der Bodhisattvas.

Gestützt auf die Lehren von Sutra, Tantra und deren Kommentare, und den Unterweisungen der Heiligen folgend, habe ich die siebenunddreißig Übungen der Bodhisattvas zum Nutzen jener niedergeschrieben, die den Bodhisattva-Weg beschreiten möchten.
Da mein Verstand gering ist und ich wenig geübt bin, gibt es hier keine Verse, die Gelehrte erfreuen. Doch da sie sich auf die Sutras und die Erklärungen der Heiligen stützen, halte ich diese Übungen der Bodhisattvas für fehlerlos.
Aber da es mit meinem geringen Verstand schwierig ist, die Tiefen der kraftvollen Bodhisattva-Taten zu ermessen, bitte ich die Heiligen um Nachsicht für Widersprüche, Ungereimtheiten und andere Fehler.
Mögen alle Wesen durch die Tugend, die hieraus erwächst, dem Beschützer Chenresig gleich werden, der im Besitz von höchstem - relativen und absoluten - Bodhicitta weder im Extrem von Samsara noch Nirvana verweilt.
Dies wurde zu meinem eigenen Nutzen und dem Wohl der Anderen vom textkundigen Logiker, dem Mönch Thogme, in der kostbaren Quecksilberhöhle verfaßt.

OM MANI PADME HUNG

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Kommentare: 1
  • #1

    Clemens (Samstag, 20 Januar 2018 13:01)

    Thogme hat die buddhistische Sicht der Dinge ja ziemlich prägnant auf den Punkt (die 37 Punkte) gebracht. Wahrscheinlich findet jeder welche, die er für besonders herausragend hält. Ich finde zum Beispiel 26 ziemlich bedenkenswert, weil Disziplin für mich ein wichtiges Thema ist:

    "Wenn ihr aufgrund des Fehlens von Disziplin nicht einmal euer eigenes Wohl bewirken könnt, ist der Wunsch, das Wohl anderer zu erwirken, zum Lachen."

    Ausgehend von der Aussage von Ludwig, dass wir alle Lehrer und Schüler zugleich seien, wäre die Verpflichtung zur Dsziplin automatisch eingeschlossen. Und das Sich-Drücken-Wollen vor dem Lehrauftrag könnte als gelebter Hang der AP zur Disziplinlosigkeit verstanden werden...

    26 gibt auch Auskunft über den beklagenswerten Zustand der Welt. Wenn wir an all die Politiker, Monarchen und Diktatoren denken, die nicht einmal ihr eigenes (spirituelles) Wohl bewirken können, dann erkennen wir, dass sie natürlich nur ihrem weltlichen Wohl, ihrem egoistischen Wohl dienen. Und dieses steht - Gesetz der Trennungswelten - oft dem weltlich/egoistischen Wohl anderer entgegen. (Beim spirituellen Wohl wäre das ja anders.)

    Da können sie behaupten was sie wollen.

    Folgerichtig fährt Thogme fort:

    "Daher, Disziplin zu bewahren die frei von weltlichem Streben ist ist die Übung der Bodhisattvas."

    Das ähnelt stark der Ablehnung weltlicher Macht durch Jesus in Matthäus 4.8-10:

    "Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen."