Rilke Projekt

Als langjähriger Rilke-Liebhaber habe ich mir endlich einmal den antiquarischen Erwerb zweier Gedichtbände des Autors genehmigt. Ansonsten kannte ich ihn hauptsächlich aus Onlinelesungen - was nicht ganz befriedigend ist. Am nächsten Morgen fand ich auf meinen morgendlichen Streifzügen durch Bremens öffentliche Bücherschränke eine Gesamtausgabe von Rilkes zu Lebzeiten veröffentlichten Werken!

 

Da alle Copyrights erloschen sind, kann ich hier mein eigenes Rilke-Projekt starten und alles reinstellen, was mich beim Lesen bewegt. Was ich hiermit beginne:

 

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,

um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:

ein Rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.

Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.

Und wenn einmal das Licht in mir entbrennt,
mit welchem meine Tiefe dich erkennt,
vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen.

Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,
sind ohne Heimat und von dir getrennt.

 

(Rilke - Das Buch vom mönchischen Leben)

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Kommentare: 5
  • #1

    Clemens (Montag, 08 Januar 2018 16:59)

    (Fortsetzung:)

    Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
    Wenn das Zufällige und Ungefähre
    verstummte und das nachbarliche Lachen,
    wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
    mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –

    Dann könnte ich in einem tausendfachen
    Gedanken bis an deinen Rand dich denken
    und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
    um dich an alles Leben zu verschenken
    wie einen Dank.

  • #2

    Rilke (Duineser Elegien) (Dienstag, 09 Januar 2018 16:29)

    WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
    Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
    einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
    stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
    als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
    und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
    uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

  • #3

    Simon (Dienstag, 09 Januar 2018 20:27)

    Vielleicht, daß ich durch schwere Berge gehe
    in harten Adern, wie ein Erz allein;
    und bin so tief, daß ich kein Ende sehe
    und keine Ferne: alles wurde Nähe
    und alle Nähe wurde Stein.

    Ich bin ja noch kein Wissender im Wehe, -
    so macht mich dieses große Dunkel klein;
    bist Du es aber: mach dich schwer, brich ein:
    daß deine ganze Hand an mir geschehe
    und ich an dir mit meinem ganzen Schrein.
    (Rilke - Das Buch von der Armut und vom Tode)

  • #4

    TvB (Mittwoch, 10 Januar 2018 07:21)

    JEDER Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir,
    ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele,
    wissend um euch. Wohin sind die Tage Tobiae,
    da der Strahlendsten einer stand an der einfachen Haustür,
    zur Reise ein wenig verkleidet und schon nicht mehr furchtbar;
    (Jüngling dem Jüngling, wie er neugierig hinaussah).
    Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sternen
    eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochauf-
    schlagend erschlüg uns das eigene Herz. Wer seid ihr?

    Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
    Höhenzüge, morgenrötliche Grate
    aller Erschaffung, – Pollen der blühenden Gottheit,
    Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
    Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
    stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
    Spiegel, die die entströmte eigene Schönheit
    wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.

    (Duineser Elegien 2)

  • #5

    Maria (Sonntag, 14 Januar 2018 13:13)

    Vielen Dank für die wunderschönen Zitate. Leider kann ich deren Klingen und Wirkung in mir nicht besser in Worten ausdrücken.