Der Vogel Rokh und die Wachtel

Im baumlosen Norden ist ein abgrundtiefes Meer: der Himmelssee. Dort lebt ein Fisch, der ist wohl tausend Meilen breit, und niemand weiß, wie lang er ist. Er heißt Leviathan. Dort ist auch ein Vogel. Er heißt der Rokh. Sein Rücken gleicht dem Großen Berge; seine Flügel gleichen vom Himmel herabhängenden Wolken. Im Wirbelsturm steigt er kreisend empor, viel tausend Meilen weit bis dahin, wo Wolken und Luft zu Ende sind und er nur noch den schwarzblauen Himmel über sich hat. Dann macht er sich auf nach Süden und fliegt nach dem südlichen Ozean.

Eine flatternde Wachtel verlachte ihn und sprach: »Wo will der hinaus? Ich schwirre empor und durchstreiche kaum ein paar Klafter, dann laß ich mich wieder hinab. Wenn man so im Dickicht umherflattert, so ist das schon die höchste Leistung im Fliegen. Aber wo will der hinaus?«

Das ist der Streit zwischen groß und klein. Da ist wohl einer, dessen Wissen ausreicht, um ein bestimmtes Amt zu versehen, der durch seinen Wandel eine bestimmte Gegend zusammenhalten kann, dessen Geistesgaben für einen bestimmten Herrn passen, um in einem bestimmten Land Erfolg zu erzielen. Der wird sich selber ebenso vorkommen wie diese Wachtel.

Aber Meister Ehrenpracht hinwiederum hat sich über diese Leute lustig gemacht. Wenn die ganze Welt ihn lobte, so ließ er sich nicht davon beeinflussen; wenn die ganze Welt ihm Unrecht gab, so ließ er sich nicht dadurch beirren. Er war ganz sicher über den Unterschied des Inneren und Äußeren und vermochte klar zu unterscheiden die Grenzen zwischen dem, was wirklich als Ehre und dem, was wirklich als Schande zu betrachten ist. Aber dabei blieb er stehen. Wohl war er der Welt gegenüber unabhängig, aber es fehlte ihm doch noch die Kraft der Beständigkeit.

Da war ferner Liä Dsï, der sich vom Winde treiben lassen konnte mit großartiger Überlegenheit. Nach fünfzehn Tagen erst kehrte er zurück. Er war dem Streben nach dem Glück gegenüber vollständig unabhängig; aber obwohl er nicht auf seine Beine angewiesen war, war er doch noch von Dingen außer ihm abhängig. Wer es aber versteht, das innerste Wesen der Natur sich zu eigen zu machen und sich treiben zu lassen von dem Wandel der Urkräfte, um dort zu wandern, wo es keine Grenzen gibt, der ist von keinem Außending mehr abhängig.

So heißt es: der höchste Mensch ist frei vom Ich; der geistige Mensch ist frei von Werken; der berufene Heilige ist frei vom Namen.

 

(Dschuang Dsi - Das wahre Buch vom südlichen Blütenland)

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Kommentare: 3
  • #1

    Dschuang Dsi (Montag, 25 Dezember 2017 18:59)

    Der Kaiser und der Heilige

    Der heilige Herrscher Yau wollte das Reich an Freigeber abtreten und sprach: »Wenn Sonne und Mond aufgehen und man löscht die Fackeln nicht aus, so werden sie doch schwerlich gegen den Schein des großen Himmelslichtes aufkommen können. Wenn der Spätregen fällt und man wollte doch fortfahren mit Begießen und Bewässern, so würde das der großen Nässe gegenüber verschwendete Mühe sein. Wenn Ihr erst auf dem Throne seid, so wird das Reich in Ordnung sein, und ich sehe selbst, daß es verfehlt wäre, wenn ich noch weiter mich damit abgeben wollte. Darum bitte ich Euch, das Reich zu übernehmen!«

    Freigeber sprach: »Ihr habt das Reich geordnet. Da nun das Reich bereits in Ordnung ist, so würde ich es nur um des Namens willen tun, wenn ich Euch ablösen wollte. Der Name ist der Gast der Wirklichkeit. Sollte ich etwa die Stellung eines Gastes einnehmen wollen? Der Zaunkönig baut sein Nest im tiefen Wald, und doch bedarf er Eines Zweiges nur. Der Maulwurf trinkt im großen Fluß, und doch bedarf er nur so viel, um seinen Durst zu stillen. Geht heim! Laßt ab, o Herr! Ich habe nichts mit dem Reich zu schaffen. Selbst wenn der Koch die Küche nicht in Ordnung hielte, wird doch der Opferpriester nicht seine Pokale und Schalen im Stiche lassen, um ihn abzulösen.«

  • #2

    Dschuang Dsi (Montag, 25 Dezember 2017 19:06)

    Verborgene Seligkeit

    Giën Wu fragte den Liën Schu und sprach: »Ich hörte Worte von Dsië Yü, die waren groß, aber unanwendbar. Sie verloren sich in überstiegenen Höhen. Ich wurde beunruhigt durch seine Worte, denn sie waren wie die Milchstraße ohne Ziel und Ende. Sie gingen ihre eigenen Pfade, fernab von allen menschlichen Verhältnissen.«[31]

    Liën Schu sprach: »Wie lauteten denn seine Worte?«

    »Er sagte, fern auf dem Gu Schê Berge wohnten selige Geister. Ihr Leib sei kühl wie Eis und Schnee; sie seien zart wie Jungfrauen; sie lebten nicht von Brot und Korn, sondern schlürften den Wind und tränken den Tau; sie führen auf Wind und Wolken und ritten auf fliegenden Drachen weit hinaus jenseits der Welt. Ihr Geist sei so gesammelt, daß sie die Natur vor Seuche und Krankheit bewahren könnten und Jahr für Jahr das Korn zur Reife komme. Das scheint mir verrückt, und ich glaube es nicht.«

    Liën Schu sprach: »Nun wohl! Einem Blinden kann man nicht den Anblick eines Kunstwerks verschaffen. Einem Tauben kann man nicht die Klänge von Musik vernehmbar machen. Es gibt aber nicht nur leiblich Blinde und Taube, sondern es gibt auch solche, die es an Erkenntnis sind. Und deine Worte zeigen, daß du auch dazu gehörst.

    Der Einfluß eines Menschen jener Art durchdringt die ganze Schöpfung. Wie könnte er, weil ein einzelnes Geschlecht in seiner Verwirrung ihn anruft, sich damit abmühen, die Ordnung des Reichs zu seiner Aufgabe zu machen? Einem solchen Menschen kann nichts in der Welt etwas anhaben. Eine Sintflut, die bis an den Himmel reicht, kann ihn nicht ertränken, und Gluten der Hitze, in denen Metalle und Steine zerschmelzen und die Erde und die Berge verdorren, können ihn nicht brennen. Aus dem Staub und der Spreu, die von seinem Wesen abfallen, könnte man noch die größten Männer formen. Wie sollte der gewillt sein, die Außenwelt als seine Sache anzusehen!«

    Ein Mann aus Sung handelte mit Seidenhüten und ging damit zu den Wilden im Süden. Die Wilden aber trugen kurzgeschorenes Haar und tätowierten ihren Leib. Sie hatten keinen Bedarf dafür.

    Yau hatte alles Volk unter dem Himmel beherrscht und die ganze Welt zum Frieden gebracht. Da ging er hin, um die vier Vollkommenen in den fernen Gu Schê Bergen zu besuchen. Als er von dort über den Grenzfluß zurückgekommen war, da verlor sich sein Reich vor seinem verzückten Auge.

  • #3

    Dschuang Dsi (Montag, 25 Dezember 2017 19:10)

    Der unnütze Baum

    Hui Dsï redete zu Dschuang Dsï und sprach: »Ich habe einen großen Baum. Die Leute nennen ihn Götterbaum. Der hat einen Stamm so knorrig und verwachsen, daß man ihn nicht nach der Richtschnur zersägen kann. Seine Zweige sind so krumm und gewunden, daß man sie nicht nach Zirkel und Winkelmaß verarbeiten kann. Da steht er am Weg, aber kein Zimmermann sieht ihn an. So sind Eure Worte, o Herr, groß und unbrauchbar, und alle wenden sich einmütig von ihnen ab.«

    Dschuang Dsï sprach: »Habt Ihr noch nie einen Marder gesehen, der geduckten Leibes lauert und wartet, ob etwas vorüber kommt? Hin und her springt er über die Balken und scheut sich nicht vor hohem Sprunge, bis er einmal in eine Falle gerät oder in einer Schlinge zugrunde geht. Nun gibt es aber auch den Grunzochsen. Der ist groß wie eine Gewitterwolke; mächtig steht er da. Aber Mäuse fangen kann er freilich nicht. Nun habt Ihr so einen großen Baum und bedauert, daß er zu nichts nütze ist. Warum pflanzt Ihr ihn nicht auf eine öde Heide oder auf ein weites leeres Feld? Da könntet Ihr untätig in seiner Nähe umherstreifen und in Muße unter seinen Zweigen schlafen. Nicht Beil noch Axt bereitet ihm ein vorzeitiges Ende, und niemand kann ihm schaden. Daß etwas keinen Nutzen hat: was braucht man sich darüber zu bekümmern!«