Reden und Schweigen

Elon ben Jochai, ein Schüler der Schargoroder Gemeinde, war ein schlaksiger, nachdenklicher Mann. An diesen Abend grübelte er über die Problematik des Schweigens und des Redens. Alles Grübeln und angestrengtes Nachdenken führte jedoch zu nichts. Manchmal war Reden Schweigen und manchmal war es umgekehrt. Es gab eine Menge Regeln und Lehrsätze, aber sie waren seiner Meinung nach vielfältig auszulegen und halfen ihm nicht richtig weiter. So beschloss er, abends den Rabbi zu besuchen und ihn darüber zu befragen.


Der Rabbi sprach: „Wenn ich mich Gott zuwende, sollte ich mich im Schweigen üben, denn das Schweigen ist ein guter Lehrmeister der Gegenwart. Der Ort an dem selbst das Vergehen lebendig ist.“


Elon unterbrach den Rabbi: „Wie kann die Gegenwart ein Ort sein?“


Die Antwort des Rabbis kam sofort: „Kann sie nicht, und jetzt höre zu! Bei Deinen Mitmenschen verhält es sich anders, auch hier solltest du dich im Schweigen üben, so lässt sich besser teilen, was nicht zu teilen ist. Du solltest aber auch reden, um zu teilen, was zu teilen ist. Wer sich also seinesgleichen zuwendet, sollte beides tun. Der Mensch ist Rede, Gott ist Stille.“


Der Rabbi schwieg und lächelte Elon voller Wärme an. Elon trat auf der Stelle und lächelte etwas verunsichert zurück. Manches begriff er, manches bereitete ihm arges Kopfzerbrechen, so ging er in sich, um Gott zu begegnen und schwieg.


Eine ganze Zeit verging, Elon bekam Ohrensausen und Kopfschmerzen, so laut war sein Schweigen. Nach und nach wurde es leiser, bis endlich Stille und Schweigen eins wurden – zumindest manchmal. Voller Mut und Erfülltheit besuchte er seine Freunde und sprach mit ihnen, um zu teilen und schwieg manchmal, um abermals zu teilen.


Spät am Abend lag Elon in seinem Bett und schaute durch das Dachfenster in die Sterne, er grinste vor sich hin, denn während er in die Sterne sah, wurde ihm klar, dass Gott ohne Unterlass sprach. Alles um ihn herum waren seine Worte. Man hört die Stille aber nur, wenn man schweigt.


Von da an sprach Elon zu Gott, in dem er schwieg.


(Simon Steiner)

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Kommentare: 1
  • #1

    Maria (Mittwoch, 20 Dezember 2017 22:07)

    Wunderschöne Geschichte. Erwärmt das Herz. Herzlichen Glückwunsch uns und Dir, Simon, zur Erstlings-Chassiden-Geschichte.