Hierarchie

Beim Überfliegen der "Himmlischen Hierarche" des Pseudo-Dionysius ist mir seine Beschreibung der höchsten Engel-Hierarchien aufgefallen. Er nennt sie "rein, beschauend und vollendet":

 

Für rein muß man diese Geister erachten, nicht nur insofern, als ob sie von unheiligen Flecken und Makeln befreit und materiell-sinnlichen Phantasievorstellungen unzugänglich wären, sondern in dem Sinne, daß sie ungetrübt über jede Schwächung und über alles minder Heilige hinaus entrückt sind; daß sie gemäß ihrer höchsten Heiligkeit vor allen gottähnlichsten Mächten einen höheren Rang besitzen und entsprechend ihrer unveränderlichen Gottesliebe den ihnen eigenen, von ständiger und gleichmäßiger Bewegung der Liebesglut erfüllten Stand unerschütterlich behaupten; in dem Sinne, sage ich, daß sie das Sinken zum Geringeren in irgend welcher Richtung ganz und gar nicht kennen, sondern die ungetrübteste Festigkeit ihrer entsprechenden, gottähnlichen Eigenart ohne Wanken und Wechseln immerdar bewahren.


Als beschauend muß man sie anerkennen, nicht als ob sie Beschauer von sinnlich wahrnehmbaren und geistig zu deutenden Symbolen wären und durch die bunte Fülle der auf heilige Bilder gestützten Betrachtung zum Göttlichen erhoben würden, sondern insofern, als sie mit einem Lichte erfüllt sind, das jegliche immaterielle Erkenntnis übertrifft, und mit der Beschauung jener Urschönheit, welche Schönes schafft, überwesentlich ist und in dreifachem Strahle leuchtet, soweit als möglich ersättigt werden. Man muß ferner annehmen, daß sie auf dieselbe Weise der Gemeinschaft mit Jesus gewürdigt sind, nicht vermittels heilig gestalteter Bilder, welche in äußeren Formen die Verähnlichung mit der Wirksamkeit Gottes ausprägen, sondern auf Grund des wahrhaften Nahetretens zu ihm, welches sich in der unmittelbaren ersten Anteilnahme an der Erkenntnis des Lichtes seiner Gottestaten vollzieht. Desgleichen ist zu glauben, daß ihnen das Nachahmen Gottes in der sublimsten Weise verliehen ist und daß sie, soweit es immer geschehen kann, in unmittelbarer Kraftwirkung an seinen in Gotteswerken und Menschenliebe betätigten Tugenden teilhaben.


Vollendet müssen wir desgleichen diese Engel erachten, nicht etwa, weil sie mit einer diskursiven, aus einer heiligen Mannigfaltigkeit von Symbolen gewonnenen Erkenntnis erleuchtet würden, sondern weil sie mit der ersten und vorzüglichsten Gnade der Vergottung erfüllt werden, sowie es der höchsten den Engeln möglichen Erkenntnis des göttlichen Waltens entspricht. Denn nicht durch andere heilige Wesen sondern unmittelbar von der Urgottheit werden sie hierarchisch vollendet, weil sie durch die ihnen eigene, alles übertreffende Kraft und Rangstellung unmittelbar zu ihr sich aufschwingen. Und demnach sind sie in der vollkommenen Heiligkeit und im höchsten Grade der Unerschütterlichkeit fest begründet, sie werden zur immateriellen und geistigen Schönheit, soweit es möglich ist, zum Zwecke beschaulicher Erkenntnis erhoben und, als der erste um Gott gebildete Kreis, in die ihrer Einsicht zugänglichen Pläne der Gottestaten unmittelbar von der Urquelle aller Weihevollendung eingeweiht und auf die erhabenste Weise hierarchisch vollendet.

 

Dabei ist mir erstmals etwas klar geworden. Gewöhnlich sehe ich (Erz-)Engel als in der göttlichen Vollmacht über uns Menschen stehend, aber als entwicklungsbezogen mangels Individuation hinter uns zurückfallend. Das kann aber auch als zu begrenztes Konzept betrachtet werden.

 

Wenn wir die Trennungswelten im buddhistischen Sinne als seit anfangsloser Zeit bestehend sehen und dies wie von hinduistischer Seite formuliert als einen Prozess des Werdens, Bestehens und Vergehens im Sinne der "Atemzüge Brahmas" als unausgesetzte Reihe von Schöpfungen annehmen, ja sogar, wenn wir nur die 14 Milliarden Jahre seit dem letzten (Schöpfungs-)Urknall nehmen, dann ist schon recht viel Entwicklungsspielraum gegeben.

 

Man könnte da die oben beschriebenen "Engel" auch als Endzustand einer Entwicklung unmittelbar vor der abschließenden Theose sehen. Möglicherweise sogar als Theose selbst - die Einheit mit Gott ist vollzogen, die Individuation bleibt bestehen. Diese Engel wären dann unsere älteren Geschwister, unsere Vor-Gänger im Sinne von Weg-Arbeit, die in den Milliarden Jahren oder zahllosen vorausgehenden Schöpfungen den Weg durch die Trennungswelten schon abgeschlossen hätten. Sie würden dann in allem unglaublich weit über uns stehen - was nicht heißen würde, dass sie nicht unsere Diener wären, ja, es wäre geradezu ein Zeichen ihrer Überlegenheit.

 

Eine geweitete Perspektive.

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