Nutzlos

In Schargorod lebte ein alter Mann namens Moshe. Seit dem schweren Unglück mit dem Ochsenkarren in seiner Kindheit konnte er nicht mehr ohne Hilfe laufen. Für kurze Wege und im Haus war er auf einen groben Stecken angewiesen. Längere Wege konnte er nur mit Hilfe eines kleinen, von seinem Vater gebauten Wägelchen, das er vor sich herschob, bewältigen.
Damit kam er erstaunlich gut zurecht in seinem Leben und war trotz dieser Einschränkung, aufgrund seiner Hilfsbereitschaft und seines gutmütigen und fröhlichen Wesens, immer ein gern gesehener Gast und hoch angesehenes Mitglied der chassidischen Gemeinde.


Mit höherem Alter verschlimmerte sich sein Gebrechen derart, dass er auch mit Hilfe des Wägelchens nur mehr unter starken Schmerzen seine Freundschaftsbesuche in der Gemeinde tätigen konnte. Doch niemals war er unleidlich deswegen oder ließ sich von den Schmerzen davon abhalten.


Viele in der Schargoroder Gemeinde bemerkten seine Schmerzen und so kamen sie überein, einen kleinen Wagen anfertigen zu lassen, in den er in der Lage war einzusteigen und der von einem Pony gezogen wurde. So sollte Moshe ohne Schmerzen weiterhin seine immer freudig erwarteten Besuche abhalten können. Mit diesem Wunsch wurde Moshe das teure Geschenk überreicht.
Doch das genaue Gegenteil war der Fall. Immer seltener kam der alte Mann zu Besuch. Die Schargoroder wunderten sich und nach einiger Zeit schlug die Verwunderung in Unverständnis um. Und zwar derart, dass bei einem fröhlichen Beisammensein in der Gemeinde, an dem auch Moshe teilnahm, ein Schargoroder sich lauthals ärgernd sagte: „Solch ein nützliches und teures Geschenk und der alte Mann weiß es nicht zu schätzen.“


Da brach es aus Moshe, der neben Rabbi Jakov ben Katz saß, hervor: „Rebbe, glaub mir. Ich bin nicht undankbar. Ich weiß, dass es ein sehr kostbares Geschenk ist und viele Bürger ihr schwer verdientes Geld dafür gegeben haben. Doch bin ich ein einfacher Mann und führe ein sehr einfaches Leben. Und damit bin ich sehr zufrieden.“ Moshe schluckte: „Damit war ich sehr zufrieden. Ich hatte viele Freunde und war trotz meiner Schmerzen gerne mit ihnen zusammen. Doch nun ist alles anders. Ich gehe kaum mehr jemanden besuchen, da ich dazu den neuen Wagen nehmen müsste, um nicht für undankbar gehalten zu werden. Doch der Wagen ist für mich umständlich und passt deshalb einfach nicht zu mir. Doch traute ich mich nicht, es ihnen zu sagen und wieder mit meinem kleinen alten Wägelchen zu kommen. Der neue Wagen, obwohl wunderbar gearbeitet und ein feines Gefährt, ist für mich nutzlos.“


Rabbi Jakov legte dem alten Mann verstehend nickend die Hand auf die Schulter und sagte: „Ja Moshe, so ist es selbst mit dem Wissen um das Höchste. Es ist wunderbar. Doch sind wir nicht in der Lage, es in unserem Alltag in Gebrauch zu nehmen, so bleibt es ohne Nutzen.“


An diesem Tag gingen viele Schargoroder sehr nachdenklich nach Hause.


(Ruth Gabriel)

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