Letzter Brief

Thomas Merton (1915 - 1968)

 

Das Innere Selbst ist so verborgen wie Gott
und entzieht sich wie Gott jedem besitzergreifenden Zugriff.
Es ist das Leben, das nicht ergriffen
und wie ein Objekt analysiert werden kann.
Eine normale geistige Erfahrung gibt in ihrer Tiefe
nur einen abgeleiteten Eindruck vom Inneren Selbst.
Sie erinnert nur an die verschütteten Tiefen
der Innerlichkeit unserer geistlichen Natur
und an unsere Hilflosigkeit, sie zu erforschen.

 

Weil unser innerstes Ich das vollkommene Bild von Gott ist,

findet man, wenn das Ich wach werde,
in sich selbst die Gegenwart von dem, dessen Bild es ist.
Gott und die Seele scheinen nur ein einziges Ich zu haben.
Sie sind, durch göttliche Gnade, derart, als wären sie eine einzige Person.
Sie atmen und leben und handeln als ein einziger.
Keiner, der zwei ist dem andern Objekt.

 

Das mystische Leben
gipfelt in einer Erfahrung von Gottes Gegenwart,
die jede Beschreibung übersteigt und die nur möglich ist,
weil die Seele völlig in Gott umgeformt
und sozusagen ein Geist mit ihm geworden ist.
Es ist das Erwachen des Logos in uns:
eine gewaltige Bewegung des übernatürlichen und göttlichen Lebens.
"Weil Gott alle Dinge durch seine Kraft in Bewegung setzt,
tritt zugleich mit ihm alles, was er tut, zutage,
so dass er in ihnen und sie in ihm
fortwährend in Bewegung zu sein scheinen.
Die Seele hat den Eindruck, dass er sich bewege und erwache,
während sie bewegt und aufgeweckt wird".


(drei Texte aus "Letzter Brief")

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Kommentare: 2
  • #1

    Clemens (Samstag, 16 Dezember 2017 16:53)

    3 x Angelus Silesius (1624 - 1677)

    Gott wohnt in einem Licht
    zu dem die Bahn gebricht:
    Wer es nicht selber wird,
    der sieht ihn ewig nicht.

    Halt an, wo läufst du hin
    der Himmel ist in dir:
    Suchst du Gott anderswo
    Du fehlst ihn für und für.

    Bist du aus Gott geboren
    so blühet Gott in dir
    und seine Gottheit ist
    dein Saft und deine Zier

  • #2

    Clemens (Samstag, 16 Dezember 2017 17:38)

    Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207 - 1273)

    Ich bin nicht Christ, nicht Jude,
    Heide oder Moslem
    nicht Osten noch Westen,
    Land oder Meer
    Ich bin nicht Natur, nicht Geist,
    nicht aus Erde, Wasser, Luft oder Feuer
    Ich bin kein Inder, kein Chinese,
    kein Bulgare, weder Iraqi noch Khoraser
    Ich bin nicht von dieser noch von jener Welt,
    nicht Himmel, nicht Hölle
    Ich bin weder Körper noch Seele
    denn ER ist EINER,
    Geliebter,
    Erster und Letzter,
    Innen und Außen.
    Und ich rufe: EINER.
    Und ich rufe: ER IST.

    (Daniel Liebert, Rumi-Fragments, Ecstacies, Source Books/Missouri 1989, übersetzt ins Deutsche von Ricarda Moufang)