Tierische Lehrstunde

Die Schargoroder Chassidim hatten dem Rabbi Jakov ben Katz schon ihre Kleinen anvertraut, dass er sie lehre und den göttlichen Funken in den noch zarten Seelen zum Leuchten anfache. Das tat er auf an die Kinder angepasste Weise.

Einmal fragte er seine Schützlinge, welches Tier denn am gefährlichsten sei.

Ein Knabe sagte aufgeregt: "Der Bär! Der Bär ist das! Ich habe gehört, wenn sich das zottige Pelztier mächtig und brüllend vor einem aufbaut, ist man verloren."

Ein anderer wollte ihn überstimmen: "Die Schlange ist um vieles gefährlicher! Das giftige Kriechtier ist leise und schnell, man bemerkt die Bedrohung gar zu spät."

Ein dritter dazu: "Der Wolf ist furchteinflößender als sie alle! Wehe jenem, den die schlauen Rudeltiere jagen!"

Es kamen noch so manche Gruselgeschichten zu Tage.

Dann setzte Rabbi Jakov einen geheimnisvollen Blick auf und redete mit ernster Stimme zu dem Völkchen: "Ihr wisst über so manches bescheid, aber am gefährlichsten ist das... Gewohnheitstier!"

Stille. Dann Stimmenwirrwarr: "Hab nie gehört!", "So eins gibt es nicht", "Haha, Rabbi! Du Scherzbold!" und dergleichen mehr.

Der Rabbi wartete ab und fuhr fort: "Doch, doch, solch ein Tier gibt es wirklich - der Mensch ist zuweilen so ein Gewohnheitstier, gedankenlos und träge. Dieses Tieres Macht ist groß, und es "frisst" jede Lebendigkeit und allen Wandel auf."

Der Kleinste aus dem Pulk hakte aber nach: "Rabbi, wie verhält es sich denn mit guten Gewohnheiten?"

"Genauso! Gutes soll uns keine Gewohnheit, sondern immer aufs Neue ein wahrhaftes Anliegen sein", war des Schargoroders Antwort.

(Ruth Finder)

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